Bo’jour Honfleur & Deauville

Bo’jour Honfleur & Deauville

Als wir in Le Havre von Bord gehen, können wir kaum glauben, dass wir wirklich in Frankreich gelandet sind. Mit einem Mal fallen mir die wildesten Klischees über die „schnöde“ Normandie wieder ein und ich muss mich kurz kneifen, damit ich sie nicht in aller Öffentlichkeit hinausposaune.

Mit dem Shuttlebus fahren wir eine Runde durch die triste Innenstadt, in meinem Kopf dröhnt ein russischer Männerchor und die Betonklötzer, die uns entgegen ragen, lassen mich noch einmal bedenken, ob unser Kahn nicht doch irgendwo falsch abgebogen ist.

Es ist Dienstagmorgen und der Himmel ist noch grau und verhangen, was die normannische Hafenstadt nicht gerade mit Rouge bekleckert. Die vereinzelten Blumenkübel wirken wie Sprengladungen zwischen den Häusern, die sich in einem kargen beige-anthrazit aneinanderreihen.

Auf den Straßen, am Springbrunnen und auch vor dem Rathaus im Trend-Stil Eiserner Vorhang sehen wir keine Menschenseele. Tatsächlich wirkt die Stadt wie ausgestorben.

Das ist also die Romantisme français, die französische Romantik. Ich war schon lange nicht mehr hier und verspottete kurz vor dem Landgang noch all jene Seereisende, die eine stundenschwere Busfahrt auf sich nehmen, nur um den Fuß minutenlang in das leicht überschätzte Paris zu setzen. Tja, Le Havre kann es ja nun auch nicht sein.

Erleichtert, dass wir den Shuttleservice in die Stadt nur dafür nutzen, um zu unserem Mietwagen zu gelangen, schlage ich ehrfürchtig den Kragen meines Sommermantels hoch und halte weiterhin Ausschau nach bleichen Gesichern hinter den 60er Jahre Gardinen, die ich mir dort ausmale.

Le Havre Lomoherz
Le Havre Lomoherz

Honfleur

Das kann ja heiter werden. Nach unserem Spektakel in Bath am Tag zuvor habe ich mir heute wirklich etwas mehr Bilderbuch vorgestellt.
Nichts wie rein ins Auto und raus aus der Stadt. Kaum haben wir Le Havres Skyline mit der brennenden Öl-Raffinerie-Fackel hinter uns gelassen, passieren wir die Pont Normandie. Und mit dieser Überfahrt ändert sich der Ausblick auf einmal dramatisch.

Entlang der zerklüfteten Côte Fleurie nehmen wir Kurs auf das Hafenstädtchen Honfleur, fahren durch grüne Alleen und erhaschen immer mal wieder einen Blick auf die Küste, die nicht mehr von Industrie besudelt ist. So dröge und beinahe unheimlich Le Havre war, so kunterbunt und pittoresk erscheint auf einmal Honfleur vor unserer Linse.

Statt sowjetischer E-Moll Tonart erspähen wir – endlich – einen fröhlichen Akkordeon-Spieler am Hafenbecken, das sich wie gemalt vor uns aufbauscht.

Dass der Musikant weder Baskenmütze noch blauweiß gestreiftes Hemd trägt, macht das Karussell mit den Pferdchen im antiken Finish wieder wett.

Honfleur empfängt seine Gäste mit weiten Armen und weiß seine Anziehungskraft zu nutzen. Denn unter all den Schnörkeln ist Honfleur vor allem eine Stadt, die vom (Kreuzfahrt-)Tourismus lebt. Und eine Stadt, die es lohnt, besucht zu werden. Eine Stadt, in die man regelrecht eintauchen kann.

Viel mehr will ich über Honfleur an dieser Stelle gar nicht erzählen, denn in ein paar Wochen sind wir noch einmal dort. Wiedersehen macht in Honfleur Freude.

Hier seht ihr schon mal die ersten Lomo-Eindrücke dieses reizenden Städteleins…

Honfleur Filme entwickeln (c) Lomoherz
Honfleur (c) Lomoherz
Honfleur (c) Lomoherz
Honfleur (c) Lomoherz
Honfleur (c) Lomoherz
Honfleur (c) Lomoherz
Honfleur LC-Wide (c) Lomoherz
Honfleur LC-Wide (c) Lomoherz
Honfleur LC-Wide (c) Lomoherz
Honfleur | Provia | LC-Wide(c) Lomoherz

Deauville

Nach einem Rundgang durch die Stadt, über unzählige Kopfsteinpflasterstraßen und durch verwinkelte Gassen, brausen wir weiter in Richtung Westen: Deauville steht als zweites Highlight auf unserem Tagesplan und die Erwartungen sind hoch. So spricht zum Beispiel das 36 Hours Buch von einem aristokratischen Seebad. Honfleur mag künstlerisch bezaubernd sein, aber in Deauville gibt es noch einen zusätzlichen Schlag Glamour. Schließlich eröffnete Coco Chanel ihren ersten Laden in Deauville.

Als wir auf der berühmten Strandpromenade Les Planches entlang flanieren, überzeugen uns die ordentliche Anordnung der Sonnenschirme, der anmutende Blick auf die Villen mit Seeblick und die mit Hollywoodsternchen versehenen Badehäuschen vom vornehmen Ruf.
Doch dann bricht es plötzlich über uns hinein. Weit draußen auf dem Meer konnten wir es schon sehen. Beobachten, wie es sich zusammenbraut. Als Seesturm, Regen und Donner auf uns niederprasseln, stehen wir zufällig an der richtigen Stelle und hören die Sonnenanbeter fluchen, die sich zu spät aufgerafft

haben und denen das Wasser regelrecht aus der Hose läuft.
Großartig.

Sommerregen und Gewitter und spontane Naturgewalten stacheln mich an. Als ob ich kurz einen Fingernagel in die Steckdose halten würde. Ich renne raus, mache mit einem Indianer-Jodeln ein Bild vom Sturm und würde mich am liebsten noch fünfmal im Kreis drehen. Herrlich.

Wir fahren in die Innenstadt, setzen uns in ein Café, das es bestimmt auch in Paris gibt und bestellen auf Schulfranzösisch eine Kleinigkeit zu Essen. Wenn ihr direkt an der Promenade speisen wollt, setzt euch in die Bar de la Mer und genießt den Art-déco-Stil.

Die Bäderarchitektur der Strandpromenade wird im Herzen der Stadt durch charmante normannische Fachwerk-Bauten mit Türmchen und französischen Balkonen ersetzt. Einen Springbrunnen gibt es auch.
Galant, galant, dieses Deauville. Mit piekfeiner Hafen- und Strandkulisse.

Deauville (c) Lomoherz
Deauville (c) Lomoherz
Deauville | Provia (c) Lomoherz
Deauville (c) Lomoherz
Deauville (c) Lomoherz
Deauville (c) Lomoherz

La Fin

Am Ende des Tages bin ich wirklich froh darüber, dass wir uns nicht dazu verleiten lassen haben, einen der angebotenen Ausflüge zu buchen oder gar mit in die Hauptstadt zu fahren. Auf dem Rückweg nehmen wir den Weg entlang der Klippen, der gerade breit genug für unser Auto ist. Dank dieser Kulisse, des endlos weiten Blicks fühlen wir uns großartig und frei – trotz der Tatsache, dass wir unsere Reise zusammen mit rund 2.500 Menschen angetreten haben.

Wenn ihr auch gerade überlegt, welche Seeroute ihr einschlagen solltet, dann lasst euch von Le Havre nicht abschrecken. Es gibt genügend Ausflugsziele in unmittelbarer Nähe und ein Mietwagen ist schnell und gut organisiert (und viel günstiger als die angebotenen Landausflüge).

Zuletzt

Noch ein Wort zu Le Havre: Die außergewöhnliche – bzw. gewöhnungsbedürftige – Architektur geht auf einen Planaufbau zurück, wie er nicht selten auch nach Kriegen oder bei Planstädten anzufinden ist. Hier bekommt ein bestimmter Architekt oder ein Architekturbüro die Aufgabe, eine gesamte oder Teile einer Stadt (neu) zu errichten. In der Regel entsteht dabei viel Homogenität mit hohem Wiedererkennungswert.

Im Fall Le Havre wurde die Stadt nach dem 2. Weltkrieg nach den Plänen des Architekten Auguste Perret wiederaufgebaut. Rathaus und Kirche wurden z.B. nach seinen Plänen zur modernen Betonarchitektur konstruiert. Oscar Niemeyer ist in diesem Zusammenhang ebenfalls ein bekannter Name.

Seatrip Lomoherz
Seatrip | Honfleur | Provia (c) Lomoherz
Seatrip LC-Wide Lomoherz

Merchi!

Alle anderen Seatrips findet ihr übrigens  hier.

Honfleur und Deauville liegen im Norden Frankreichs, im Département Calvados:

Alle Bilder wurden analog mit Lomo Kameras auf Film aufgenommen. Kein Photoshop (bis auf Titelbild + Landkarte), keine Filter oder sonstiges.
Einfach pure, kreative Film-Fotografie.

Kameras: Lubitel 166+ (Le Havre), Diana F+ (Honfleur + Deauville) & LC-Wide (35mm)

Filme: Velvia 100 (Lubitel + Diana F+), Ektachrome 100 (Diana F+) & Provia X 400 (LC-Wide), alle gecrossed (X-Pro)

Entwicklung & Scan: LomoLab

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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Letzte Artikel von Lomoherz (Alle anzeigen)

5 Comments
  • Prof. Matthias S. Hartmann
    Posted at 01:21h, 29 Mai Antworten

    Wunderbar! phantastisch! Nach einem langen Arbeitstag schau ich dann und wann in diesen Blog,,, Honfleur ja,genau, da entdeckte ich die Musik von Stan Getz in einer Bar…. Vor über 30 Jahren.,.,

    ach , Lomoherz wissen Sie eigentlich was Sie da wirklich anrichten bei den Lesern Ihres Blogs? Kaum jemand kennt Honfleur und Sie stellen diese Bilder Ihrer Lomo ins Netz, einfach so, und nehmen dabei keinerlei Rücksicht auf Ihre Leser so mitten in der Nacht??

    ich liebe Ihren Blog, er gibt mir Kraft,Ideen, Mut , und heute; Erinnerungen, Honfleur, Wow!

    all you Need is lomo,,, to meet the right People for the right life,

    • Lomoherz
      Posted at 10:41h, 08 Juni Antworten

      Hallo lieber Matthias,

      vielen lieben Dank für die tollen Zeilen, ich habe mich wahnsinnig über den Kommentar gefreut und fühle mich wirklich sehr sehr geschmeichelt :)
      Ich bin selbst ganz angetan von dem schönen Städchen in Frankreichs Norden und empfehle jedem, dort einen Zwischenstopp einzulegen oder sich gar in eins der charmanten Hotels einzuquartieren, denn die Küste um Honfleur und Deauville sah von weitem sehr schön aus.
      Ich freue mich, Erinnerungen aus dieser Zeit bei Ihnen geweckt zu haben, wie wunderbar! In diesem Fall sind meine Bilder durch den Einfluss der Lomography nicht unbedingt repräsentativ, aber war Honfleur damals auch schon so … voller Flair? Vielleicht freut es Sie ja zu hören, dass ich Honfleur in ein paar Wochen noch einmal mit der Kamera erkunden werde (für ein paar Stunden zumindest). Ich nehme dieses Mal einen klassischen Film mit, kann aber noch nicht sagen, wann die neuen Bilder online gehen werden ;)
      Herzlichen Dank noch einmal für die schönen Worte. Anderen Inspiration und Ideen zu geben ist mit das Schönste, was man mit einem Blog erreichen kann und was mir wiederum Kraft gibt weiterzumachen :)
      Alles Gute und bis bald,
      Conny

  • Paleica
    Posted at 08:07h, 16 Juni Antworten

    honfleur und deauville sehen wirklich wunderbar aus! wir haben uns ja damals nicht wirklich informiert gehabt und gedacht, na gut, dann sehen wir uns diese „planstadt“ eben mal an. ich war aber ziemlich erschüttert (hab sie sogar in meine 5 anti reisetipps verblogged) und möchte dort eignetlich nie wieder hin – das war echt schockierend.

  • Brügge sehen und ... sich wie im Märchen fühlen? - Lomoherz
    Posted at 11:19h, 25 August Antworten

    […] ich nicht vorbereitet. Meine Vorfreude und Kameraplanung galten Bath und den beiden liebreizenden Küstenstädten in Frankreich, zu denen tolle Sachen in meinem Reisebuch standen. Außerdem hatte ich von Brügge noch nie etwas […]

  • Déjà-vu in Honfleur - Lomoherz
    Posted at 08:10h, 28 Februar Antworten

    […] legen mit der AIDA Prima in Le Havre an, das Wetter ist grau in Beton. Genau wie vor 2 Jahren. Wir holen unser französisches Mietauto für einen Tag ab, rollen hinaus aus der […]

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