Eine Stunde Bath

Eine Stunde Bath

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Bath war der allererste Hafen, den wir auf unserem Seatrip 2014 ansteuerten.

Das erste Mal zurück in England. Nach so langer Zeit. Meine Erwartungen schossen durch die Decke und nie hatte sich ein 20-Pfund Schein schöner angefühlt. Dass es in Bath gar keinen Hafen gibt, ist euch bestimmt schon aufgestoßen. Tatsächlich sind wir in Southampton angedockt, dem Heimathafen der Titanic im Süden Englands.

Da Jule und ich Southampton schon ein wenig kannten, entschlossen wir uns, eines der umliegenden Highlights zu erkunden und unsere Wahl fiel auf Bath – nicht auf Salisbury oder Stonehenge, sondern auf Bath. Dass es 130 km weit von unserem Hafen entfernt lag, kümmerte uns nicht die Bohne, denn schließlich befand sich direkt neben der Anlegestelle eine Autovermietung. Dass die wiederum aufgrund eines in Deutschland nicht bekannten Feiertages geschlossen hat, hätte uns ein erstes Zeichen sein sollen. Vielleicht war auch schon der Regen, der uns seit Auslaufen in Hamburg begleitete, ein erstes Anzeichen, wer weiß.

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Oh, ich hatte mir alles so schön zurechtgesponnen! Reserviert hatte ich extra einen FIAT 500, der Inbegriff eines Sommerautos. Gemeinsam würden wir mit offenem Dach und wehenden Haaren die idyllisch grüne Landstraße Richtung Bath entlang tuckern, dabei einen Blick auf Stonehenge werfen und uns über die Traube von Menschen lustig machen, die ein paar Steine am Straßenrand betrachteten. In Bath würden wir dann die eigenwillige Architektur bewundern, uns am The Circus ein bisschen wie Jane Austen fühlen und verzückt durch römische Bäder waten. Schließlich hat Bath daher seinen Namen. Bevor wir die Rückreise antraten, würden wir in einem der vielen Hipster-Cafes noch einen Cream Tea schlürfen, an einem Tuna Panini knabbern und 2 Stunden später am Bug der Aida stehen und unsere schneeweißen Stofftaschentücher zum Gruße schwenken.

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Es hätte so schön sein können…

Und so lief es wirklich ab:

Kurz bevor wir englisches Land betraten, haben wir uns von einem dear old Reiseführer ein paar Tipps geben und uns (leider) dazu überreden lassen, den Motorway (Autobahn) statt wie geplant die Landstraße zu nehmen. Und schon taperten wir in unseren schicken Regenponchos in Richtung Bushaltestelle. Die unbeleuchtete Autovermietung direkt neben dem Schiff bedachten wir mit einem Schmollmund und erreichten kurz darauf den Bus, der uns zum Flughafen brachte, wo unser Mietwagen auf uns wartete. Dort angekommen wurde mir bewusst, dass aus der grünen Überlandfahrt mit offenem Dach wohl nichts mehr werden würde, und dass meine beiden Reisebegleitungen den schnittigen Fiat 500 alles andere als für den Inbegriff eines Sommerwagens hielten. Da es aber bereits zu spät für einen SUV war, pressten wir uns in den Fiat und stiegen gleich darauf hin wieder aus, um die Plätze zu tauschen. Ah ja, Linksverkehr, da war ja was. Eine kurze Proberunde und schon brausten wir los in Richtung Motorway. Rückblickend brausten wir wohl nicht länger als 5 Minuten gen Norden bevor wir folgendes erreichten: Stau. Ausgerechnet. Die Fahrt sollte nicht länger als zwei Stunden dauern, damit wir genügend Zeit in Bath hätten. Aber der Stau löste sich nicht auf. Auch nach Stunden nicht. Im Schritttempo fuhren wir rechts an anderen britischen Autos vorbei, stockten und fuhren wieder an. Selbst an Stonehenge kamen wir im Schneckentempo vorbei, sodass ich diese Sehenswürdigkeit getrost von meiner Liste streichen kann – wir hatten alles gesehen.

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Als wir endlich in Bath ankamen, blieb uns etwas über eine Stunde – eine Stunde! – um dieses bezaubernde Städtchen im Regen zu erkunden. Und das war bereits knapp bemessen, schließlich wussten wir nicht, ob wir auf der Rückfahrt in ein ähnliches Desaster brausen würden. Unsere Pläne brachen wir herunter auf die Besichtigung der Römischen Bäder (sehr empfehlenswert!), den Besuch im Supermarkt (Cadbury Schokolade!) und ein bisschen mit dem Auto durch die Stadt fahren, um wenigstens ein kleines Gefühl für und von Bath zu bekommen. Auch wenn der Regen streng dagegen hielt.
Auf dem Rückweg erhaschten wir noch einen kurzen Blick auf Salisbury, da der Verkehr auf der Landstraße Gott sei Dank flüssig lief. Der Himmel klarte auf und ich wähnte mich schon in der Vorstellung, England wenigstens an Deck mit einem ponchofreien Winken zu verabschieden, als mir bei den Schiffskontrollen aus Versehen meine Lubitel-Kamera aufsprang und der gesamte Bath-Film belichtet wurde! An dieser Stelle hätte ich wirklich in Tränen ausbrechen können. Trost spendeten mir nur noch die bunten Cocktails am Abend (und das Buffet…).

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England-Aida-2014-(c)-Lomoherz (10)Auch wenn an diesem Tag alles anders als erwartet kam, bereue ich ihn nicht, keineswegs. Ich genoss es, endlich wieder englischen Boden unter meinen Füßen zu haben, die Autofahrt war sehr schräg und lustig und ich freute mich über jedes Wort, das mit echtem britischem Dialekt ausgesprochen wurde. Und Bath hatte ich auch endlich gesehen – wenn auch nur die Kurzfassung. Irgendwann werde ich wiederkommen und mir dort spontan ein Zimmer für eine Nacht nehmen. Oder 3!

Es war nur so, dass ich foto-technisch diesen Tag bereits abgehakt hatte. Ich dachte mir, ok, dann schreibe ich eben nicht über unseren lieblichen „Sommer-Besuch“ in Bath und klebe daheim einfach ein paar Bilder meiner Reisebegleitungen in mein Fotoalbum… Aber dann wäre die Seatrips-Reihe unvollständig und jedes Mal, wenn ich ihr etwas Neues hinzufüge, würde trotzdem etwas fehlen.

Und England fehlt mir schon genug.

Den ruinierten Film gab ich aus einer Laune heraus trotzdem zum Entwickeln und war ziemlich überrascht, dass die ersten Bilder auf der Rolle tatsächlich überlebt hatten, auch wenn sie ein wenig (bis ganz schön) „verbrannt“ aussahen:

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Und dann waren da noch die LC-W, von der ich ganz vergessen hatte, dass ich mit ihr ein paar Bilder in England gemacht hatte und die Agfa-Ritsch Ratsch-Pocket Kamera, mit der ich ein paar Schwarzweißbilder von Bath knipste. Aber dazu mehr im eigenen Seatrip-Kapitel The Black and White Diaries.

Wenn alles gut geht, docken wir dieses Jahr wieder in Southampton an. Und dann geht es auf die Isle of Wight!! (Yesyesyes! Nur hoffentlich ohne Stau …)

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Alle Bilder wurden analog mit Vintage Kameras auf Film aufgenommen. Kein Photoshop, keine Filter oder sonstiges, einfach pure Film-Fotografie.

Kameras: LC-W (35er Format) und Lubitel 166+ (Mittelformat)

Film: Provia 400 (LC-W) und Velvia 100 (Lubitel), crossed

Entwicklung und Scan: LomoLab

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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9 Comments
  • inka
    Posted at 09:49h, 08 Februar Antworten

    Ok, das klingt ehrlich gesagt sehr ätzend. Ich habe jetzt dennoch Lust auf Schiffahren, England und Bath. :)
    Mir hat schon ein Bekannter vor Jahren davon vorgeschwärmt und Deine Fotos der Bäder sehen toll aus. Und außerdem hab ich jetzt Lust auf einen Tee. ;)
    Liebe Grüße
    /inka

  • Eva
    Posted at 00:19h, 09 Februar Antworten

    Huiuiui wie es manchmal so geht. Die Bilder sind trotzdem toll. Dem analogen Charme kann ich einfach nicht widerstehen. :)
    Liebste Grüße
    Eva

  • anne
    Posted at 21:29h, 10 Februar Antworten

    ach je. Manchmal ist das Leben irgendwie gemein… ausgerechnet im Urlaub! deine Aufnahmen mag ich aber und sie erinnern mich außerdem an einen Familienurlaub vor vielen vielen Jahren :)

  • Evi
    Posted at 21:13h, 11 Februar Antworten

    Liebe Conny,
    auch wenn deine Geschichte irgendwie ein bisschen traurig ist – die „verbrannten“ Bilder sind der ABSOLUTE KNALLER! Sowas musst du mal gewollt hinbekommen!! Es sieht so aus, als hätte deine Kamera die oberen Bildteile mit dem roten Buntstift gemalt. Oder als hättest du eine Fotocollage mit einem Ausschnitt aus einem historischen Bildband gemacht oder oder…
    Das zweite dieser Reihe wird in meine Liste der Lomoherz-Alltime-Favs eingehen :) Beide Daumen hoch!
    LG, Evi

  • Paleica
    Posted at 09:15h, 12 Februar Antworten

    herrje, ich kenne das gut. mir ging es irgendwie in unserem gesamten irlandurlaub so ähnlich wie dir an diesem tag.

  • Mörkrum
    Posted at 21:43h, 17 Februar Antworten

    Ohje, aber trotz all der Pannen hast du schöne Bilder und einen ganz besonderen „Redscale“-Effekt mitgebracht ;-) Nach England möchte ich ich auch wieder einmal, London steht hoffentlich wirklich bald auf dem Programm!

  • Dani
    Posted at 07:51h, 28 Februar Antworten

    Kleiner Tipp, weil es mir auch schon passiert ist: 2 kleine Stückchen Masking Tape am Rückendeckel der Lubitel (neben dem Öffnungsknopf) helfen, ihn geschlossen zu halten. Das Gute am MT ist, dass du es ganz oft abziehen und wieder ankleben kannst und außerdem habe ich so immer ein Stück Klebestreifen, falls der am Rollfilm nicht mehr hält. ;) Ich habe sowieso IMMER eine Rolle MT in meiner Kameratsche. Dein Bericht ist sehr schön geworden, die Fotos auch, trotz der Hindernisse. Ich möchte jetzt auch nach England…. Einen schönen Sonntag wünsche ich dir!

  • Bo'jour Honfleur & Deauville - Lomoherz
    Posted at 08:04h, 23 Mai Antworten

    […] kann ja heiter werden. Nach unserem Spektakel in Bath am Tag zuvor habe ich mir heute wirklich etwas mehr Bilderbuch vorgestellt. Nichts wie rein ins […]

  • Brügge sehen und ... sich wie im Märchen fühlen? - Lomoherz
    Posted at 11:12h, 25 August Antworten

    […] gebe zu: Auf Brügge war ich nicht vorbereitet. Meine Vorfreude und Kameraplanung galten Bath und den beiden liebreizenden Küstenstädten in Frankreich, zu denen tolle Sachen in meinem […]

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Wo lasse ich meine Filme entwickeln? 6 Filmlabore im Test!…
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