Bern – Mit dem Zug durch die Schweiz VII

Bern – Mit dem Zug durch die Schweiz VII

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Kurz bevor wir die Heimreise antreten, gelingt uns ein kurzer Abstecher in Bern, der Bundesstadt der Schweiz. Und Bern ist überraschend anders als erwartet: quirlig und bunt, kunstvoll und angenehm in sich ruhend. Bern, der Hipster (jetzt hätte ich beinahe Bernd geschrieben;) mit Urban Swimming, weit geöffneten Schaufenstern unter den Lauben und schrägen Läden in ehemaligen Speicherkellern.

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Das Gepäck sicher verstaut, werden wir von Margarete Schaller-Samuel abgeholt, die durch und durch eine Bernerin ist. Sie führt uns vom Bahnhof über das Burgerspital in Richtung Käfigturm, an dem sich quer und längs bunte Marktstände mit frischen Waren auffädeln. Der Stadtmarkt reicht bis an das Bundeshaus heran, dem politischen Zentrum der Schweiz. Als wir durch den Bogen gehen, oder nein, hindurch schreiten – bei dieser Architektur muss man vom Schreiten sprechen – ist es, als ob wir uns Watte in die Ohren gestopft hätten. Das wuselige Treiben und Gemurmel verschwimmt, sobald wir um die Ecke schlendern und das kleine Stück Bern zwischen Parlamentsgebäude und hochgelegener Stadtmauer erreichen, das sich wie eine üppige Terrasse vor uns ausbreitet.
Die Aussicht ist fantastisch. Von hier hat man einen weiten Blick auf die Kirchenfeldbrücke, auf der auch Nachtzug nach Lissabon gedreht wurde sowie auf den Helvetia-Platz, an dem sich die Kulturstätten ballen.
Kurz bevor wir uns wieder der Stadtführung zuwenden, entdecken wir kleine dunkle Punkte auf dem hellblauen Aare-Fluss. Wir kneifen die Augen zusammen und sogleich erfasst uns eine ungestüme Welle der Aufgeregtheit. Die dunklen Köpfe im Fluss sind Urban Swimmer – Aareschwimmer -, die an einem Punkt in den Fluss steigen (inkl. Hab und Gut) und an einem anderen Punkt wieder hinausklettern. Um nach der Erfrischung nicht pitschenass mit dem Bus an die Einstiegsstelle zurückfahren zu müssen oder gar gegen den Strom zu schwimmen, gibt es richtige Schwimmsäcke, in denen man Klamotten und Handtuch wasserdicht verstauen kann. Die Stadt Bern hat uns ebenfalls so eine Tasche geschenkt, die an diesem Tag nur leider nicht zum Einsatz kommt. Die dunklen Köpfe (bzw. ein heller und ein dunkler Fischkopp) wären unsere gewesen, wenn unser Zug nach Hamburg nicht schon nachmittags davongebraust wäre. Unbedingt ein Grund, wiederzukommen, denn das Aareschwimmen sieht besonders an diesem Sommtertag nach extrem viel Spaß aus!

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Vom Stadtrand aus huschen wir durch verschiedene Seitenstraßen, immer am Schattensaum entlang, bis wir den Zeitglockenturm erreichen. Ein Blick hindurch und man ahnt schon, dass hier das alte Bern beginnt.

Auf den ersten Blick erinnert mich Bern an meinen Wohnort Stralsund, weil das Zentrum ähnlich wie meine Hansestadt auf einer Halbinsel gelegen ist. Als wir tiefer in das Stadtherz eindringen, fällt mir wiederum eine gewisse Ähnlichkeit zu Valletta  auf, denn Berns Stadthäuser sind ebenfalls ganz und gar Sandstein, wenn auch etwas grünstichiger als die der Hauptstadt Maltas. Grund dafür ist die unterschiedliche Herkunft des Sandsteins.

Unser bzw. Margaretes Timing ist perfekt, denn in wenigen Minuten beginnt der Bärenumzug in der Zytglogge an der Ecke Kramgasse und Kornhausplatz.
Gott Kronos dreht die Sanduhr, ein Gockel kräht und der Narr schlägt die Glocken an. Eine Erinnerung daran, dass eine weitere Stunde aus unserem Leben verstrichen ist, während der Bärentanz die neue Stunde zu zelebrieren scheint. Wie vor der Prager Rathausuhr versammelt sich eine bunte Traube Touristen vor dem Spektakel. Amerikaner und Franzosen zu unserer Linken, hinter und vor uns Spanier oder Südamerikaner.

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Sobald die neue Stunde feierlich eingeläutet ist, führt uns Margarete in den Glockenturm hinein und unter den Blicken einiger neidischer Touristen steigen wir die Wendeltreppe hinauf, bis wir direkt hinter Kronos, dem Gockel und den Bären stehen. Von hier aus können wir schon ein wenig in die Straßen Berns blicken.
Margarete erklärt uns das jahrhundertealte, aber perfekt erhaltene Uhrwerk und beim Gruppenfoto habe ich natürlich Schmiere an den Händen.
Es geht noch einige – immer schmaler werdende – Treppen hinauf, bis wir direkt unter der großen Glocke stehen. Wir reißen die alten Fensterläden auf und das sommerliche Antlitz Berns strömt uns entgegen. Zu beiden Seiten der ehemaligen Stadtmauer blicken wir hinaus und halten die Nase in den Wind, den es vier Stockwerke tiefer noch nicht gab.
Die Aussicht ist prächtig, wir sehen Dachterrassen, den Fluss, wie er die Innenstadt umgarnt, und wie das feine Netz aus Menschen, Trams und Radfahrern selbst wie ein Uhrwerk funktioniert.

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Und dann geht es hinein, in das Hipsterviertel Berns, das mich so überrascht, dass ich kaum mit den anderen beiden Schritt halten kann. Als wir unter die Lauben fliehen, denke ich noch, jaa, das erinnert mich an Südtirol. Aber die Aufforderung ist hier eine andere.
Die Laubengassen präsentieren sich wie eine langgezogene Galerie, in der sich hinter jedem 2. oder 3. Fenster eine neue Szenerie offenbart. Türen und Fenster sind weit geöffnet und geben den Blick in einzigartige Ateliers, Cafés und Geschäfte frei. Hier findet gerade ein Kunst-Workshop statt und dort macht sich eine echte Sattlerin an die Arbeit. Im nächsten Haus – dem Albert Einstein Haus – bezahlt ein Mann seinen Kaffee, der selbst ein bisschen wie Einstein ausschaut. Requisite oder Zufall?

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Bern ist an dieser Stelle so offen und kommunikativ und stilecht (das Interieur hinter den Fenstern ist wirklich originell!), dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst hinschauen soll. Als mein Blick meine beiden Begleiterinnen sucht, stehen sie bereits vor dem größten Gotteshaus der Stadt: dem Berner Münster. Im Inneren ist das Fotografieren leider nicht erlaubt, aber das Drama der Welterziehung spielt sich ohnehin am Eingang ab. Schaut euch die vielen Geschichten an, die hier bereits erzählt werden:

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Wir wandeln und winden uns durch die zahlreichen verborgenen Winkel und Querstraßen, die die Berner Gassen wie ein Labyrinth miteinander verbinden. Auch viele Geschäfte, Restaurants und Bar-Cafés sind teilweise von zwei parallelen Straßen zugänglich. Ein lustiges Merkmal, das ich von nun an mit dieser Stadt verbinden werde.

Margarete erzählt uns, dass die Menschen hier bäriger seien als anderswo in der Schweiz: langsamer, behebiger. Die Berner selbst nehmen diese Behauptung mit Humor und ein wenig Stolz, denn schließlich sei der Bär dem Menschen überlegen: weise, kräftig und viril … eben typisch Bärn.

Über die Kramgasse, eine der belebtesten Straßen, laufen wir zurück zum Kornhausplatz und direkt in die Arme des Kindlifressers. Er ist einer von 11 historischen Figurenbrunnen, die allesamt individuell gestaltet worden sind. Auf einem steht die Gerechtigkeit, auf einem anderen ein Bär in Ritterrüstung. Jeder Brunnen hat seine eigene Geschichte und die des Kindlifressers sollte die Kinder davon abhalten, sich aus der Stadt hinaus zu schleichen, denn vor den Stadtmauern würden sie von dem schrecklichen Oger erwartet.

Mitten in der Stadt, zwischen Nydeggbrücke und Tourist Information, gibt es übrigens auch richtige Bären zu bewundern. Wir hätten sie gerne im BärenPark besucht, nur waren sie an diesem Tag gerade in der Sommerfrische. Zu Recht.

Neben all den Ausblicken und Leckereien haben wir in der Schweiz vor allem die Brunnen für uns entdeckt, die uns an scheinbar jeder Ecke mit frischem Quellwasser versorgten:

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Am Kornhaus verabschieden wir uns von Margarete, der wir noch stundenlang hätten zuhören können. Im Restaurant Kornhauskeller ist ein Tisch für uns reserviert, hier treffen wir Nicole Schaffner vom Bern Tourismus. Als wir die Treppen hinabsteigen, fallen mir fast die Augen heraus. Seht selbst:

Ich wusste gar nicht, dass solche Restaurants noch existieren. Mit Chandeliers und runden Tischen und bemalten Gewölben. Ich bin sehr beeindruckt. Am Ende des Saals steht übrigens ein überdimensionales vergoldetes Weinfass. Nur falls ihr euch fragt, was das riesige güldene Etwas dort im Zentrum ist.
Nicole hat bereits das Menü für uns bestellt und hätte mich damit nicht glücklicher machen können. Zwischen einer leckeren Vor- und Nachspeise bekommen wir ein ordentliches Stück rosa Lachs gereicht, das wirklich – und so habe ich es noch nicht erlebt – auf der Zunge zergeht. Danke Bern.

Nicole hat ihr Urban Swimming Kit übrigens dabei und geht im Anschluss an unser Essen eine Runde im Fluss schwimmen. Wir sind unsagbar neidisch und hätten uns an einem normalen Tag einfach mit ihr in den Bus gesetzt. Wir wären zu einer der Einstiegsstellen gefahren und hätten uns in dem türkisblauen Wasser mitten durch die Stadt treiben lassen – was man in Bern an einem Sommertag mit Freunden eben so macht.

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Stattdessen gehen wir zu Fuß zurück zum Bahnhof, holen unser Gepäck, geben unsere letzten Franken für Schoki und Messerli her und steigen in die Deutsche Bahn, die verspätet abfährt. Ein letztes Mal hören wir das wunderbar langgerollte rrr im Schweizer Hochdeutsch, beobachten, wie die mächtigen Berge langsam zu Tälern auslaufen und landen einige Stunden später mitten im Hamburger Schlagermove.
Home Sweet Home.

 

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Pssst … hier gibt es noch ein kleines Lomo-Spezial!

 

An dieser Stelle ein herzliches Danke vielmals an an die Markenjury, an Schweiztourismus und an alle Beteiligten, die diese Reise zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben!

Ein großes Dankeschön gilt meiner entzückenden Reisebegleitung Jule, die mir tatkräftig dabei half, die Reise in Impressionen festzuhalten. Ihre Bilder seht ihr ebenfalls in diesem Post.

Ein letzter kleiner Hinweis: Aufgrund der vielen Bilder, und um Geduld, Gewicht und Ladezeit zu schonen, sind alle Fotos komprimiert worden, d. h. ihr seht eine relativ niedrig aufgelöste Variante der Originalbilder.

Alle Schweiz-Reportagen im Überblick findet ihr hier!

 

Euer Lomoherzli

 

 

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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2 Comments
  • Anonymous
    Posted at 10:05h, 19 August Antworten

    ich liebe Bern, ein wirkliches Juwel. Diese Läden im kellergewolben sind doch einfach zu speziell.

    • Lomoherz
      Posted at 12:08h, 26 August Antworten

      ‚Juwel‘ trifft es ziemlich gut! Wir waren völlig geflasht, wie sehr Bern unsere Erwartungen übertroffen hat. Da müssen wir unbedingt nochmal hin!

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