In 7 Tagen durch Südtirol: LomoRoadtrip Tag 1

In 7 Tagen durch Südtirol: LomoRoadtrip Tag 1

Liebe Blog-Freunde,
willkommen zur Themenwoche
Südtirol in Lomography!
Anfang 2013 wurde mein Blog für den Süditrol Medienpreis 2013 nominiert (wo-hoo:). Im Mai bin ich dann eine Woche lang in dieser schönen Gegend herumgereist, habe mir ganz viel angeschaut, unter tollen Dächern geschlafen und hunderte von Lomos geschossen.

Die Artikel zum Roadtrip erscheinen eine Woche lang analog zu meiner Reise (nur zeitversetzt) und eine Jury aus echten Profi-Bloggern wird zum Frühling hin entscheiden, welcher der 3 Blogs den Preis gewinnen wird.
Ich freue mich, dass ihr mit mir auf diese Lomo-Reise geht! ♥


Montag, 06.05.2013

Bevor es richtig losgeht, sollte ich vielleicht noch kurz erwähnen, dass Südtirol die nördlichste Provinz Italiens ist. Ich gebe zu, dass mich der österreichisch klingende Name zuerst ein wenig verwirrt hat und ich sicherheitshalber nochmal im Schulatlas nachgeschaut habe (Norddeutsche eben…). Und auch als ich von meiner Reise nach Südtirol zurückkam, wurde ich häufiger gefragt, wie es denn gewesen sei, in den Bergen von Österreich. Wenn man aber erst einmal vor Ort ist (und vorher irgendwie nicht mitbekommen hat, in welches Land man eigentlich reist…), bleibt gar kein Zweifel mehr, dass man sich in dem „Land, wo die Zitronen blühn“ (aus: Mignon, Johann Wolfgang von Goethe) befindet.
Auf Italienisch nennt sich Südtirol Alto Adige, „Oberetsch“, mit einem weichen ‚g‘ und je nachdem, ob man sein Köpfchen hier nach rechts oder links dreht, fliegen einem deutlich mildere deutsche Konsonanten oder der dramatische Singsang italienischer Spatzen zu. Tafeln, Broschüren, Speisekarten – alles wird fein säuberlich in beiden Sprachen festgehalten. Es gibt noch eine dritte Sprache, Ladinisch, der wir am dritten Tag begegnen werden.

Hintergrund ist die brisante Geschichte, auf die Südtirol zurückblickt. Noch vor 100 Jahren gehörte Südtirol tatsächlich zu Österreich, und das bereits seit mehreren Jahrhunderten. 1919 geht der südliche Teil Tirols als Kriegsbeute an Italien und es dauert nicht lange, bis man versucht, diesen „Exot“ unter einer faschistischen Regierung zu italienisieren. Gut ein Drittel der Bevölkerung verlässt das Land, folgt der erzwungenen „Option“, wie es pervers-großzügig vom NS-Regime propagiert wird. Südtirol ringt nach Eigenständigkeit, nach Anerkennung, kulturellem Erhalt und einem friedlichen Miteinander. 1972 erlangt es Autonomiestatus, aber es dauert noch 20 Jahre, bis sich dieser vollständig etablieren kann und ankommt – heute hat die Autonome Provinz Bozen-Südtirol eine Vorbildfunktion inne, wenn es um den Schutz von Minderheiten und autonome Ausrichtungen geht.
Deutsch, Italienisch, Ladinisch, so sähe die Reihenfolge aus, wenn man der Verteilung der Sprachgruppen folgt. Aber auch: Italienisch, Deutsch, Ladinisch, wenn man am Bozener Bahnhofskiosk steht; Ladinisch, Italienisch, Deutsch, wenn man sich in der schroffen Großartigkeit der Dolomiten verliert. Der behutsame Sinneswandel der Zweisprachigkeit ist dem alltäglichen Sprachgebrauch gewichen und ab und an verirren sich lose Wörter in der jeweils anderen Sprache. „Mochn mir a giro?“ („Drehen wir eine Runde?“ Wörtlich: „Machen wir einen Rundgang?“ (ital.: giro) ist so ein Südtiroler Satz, der außerhalb der Provinz nicht viel Sinn ergeben würde. Oder nur zur Hälfte verstanden werden würde. Aber es ist genau das, was Südtirol zusammenbringt, was es zu einem Ganzen macht, was es ausmacht: Kontraste, eine kunterbunte Mentalität und nicht zuletzt einen Funken Überraschung. Die Kulturen haben zusammengefunden, sich an einigen Stellen zusammengerauft, sich an anderen ineinander verliebt. Hier ist wahrlich nicht alles Gold was glänzt, aber in dieser Beziehung wird es mir in vielen Fällen warm ums Herz, und sei es nur beim Anblick von Knödel mit Pesto.

Nachtzug nach Bozen

Und dann war es endlich so weit.
Die weitentfernte Wirklichkeit dieser Reise löste sich in eine Erinnerung auf, die plötzlich vor mir lag. Ich steige in den Nachtzug und das Wagenlied der Bahn ist auch mein Wiegenlied. Von Hamburg nach München rauschen wir gen Süden. Die Abteile mit den dreistöckigen Betten sind eng, aber dafür flackern die vorbeiziehenden Lichter wie mattes Wetterleuchten hinter den Lidern. Im Halbschlaf nehme ich in München den Euro-Zug quer durch Österreich, über den Brenner bis nach Bozen.

Dabei im Ohr:Leg di her“ von Max von Milland, Songwriter und Mundartsänger aus Brixen. Als Übergang zusammen mit Hamburger Schellfisch Ina Müller (-klick-) oder im Original (-klick-).

Angekommen

Über Bozen hatte ich vor meiner Reise viel gehört. Fast zufällig las ich wenige Wochen vor meiner Reise noch den ein oder anderen persönlichen Bericht über die Hauptstadt Südtirols, stieß auf kontrovers kommentierte Bilder und Freunde rückten auf einmal mit Kindheitserinnerungen an Bozen – als Tor zum Süden – heraus. Unfreiwillig entstand ein ziemlich verworrenes Bild, heftiger, als von jeder anderen Region in Südtirol. War es schön oder vernarbt, Gegensatz oder Herzstück?

Guido Piovente schrieb 1959 in seinem Buch „18 mal Italien“: „Bozen ist eine Stadt von deutschem Charakter. […] Ihre Schönheit ist gotisch: diese langen, von Laubengängen gesäumten Straßen, schönt nicht so sehr wegen dieses oder jenes Baus als vielmehr durch malerische Winkel und Erker, die mit ihrem Licht-und-Schatten-Spiel einen Theaterhintergrund schaffen. […] Das Wunder dieser Stadt ist ihr Obstmarkt.“

Eine viertel Stunde nach meiner Ankunft stehe ich in einer Oase, inmitten von Bozen. Und es ist nicht die einzige. Die Stadt ist voller kleiner grüner Inseln, die sich in den Augenwinkel und hinter Sonnenbrillen verstecken.

Im Parkhotel Laurin erlebe ich gleich zu Anfang den Klassiker. Es ist das Stadthotel mit vier echten Sternen, mit Lederbank im Fahrstuhl und blank polierter Aussicht. Das Halstuch der Angestellten ist perfekt geknotet und der güldene Kofferwagen steht bereit. Beim Blick auf die Einrichtung kommt meiner Generation vielleicht kurz das Wort altbacken in den Sinn, aber wir sind nicht mehr so rebellisch, dass wir freiwillig klassisch elegant gegen fadenscheinig tauschen würden, nur um uns darüber zu definieren. Stattdessen genießen wir das Zimmer mit Aussicht, das eine Klasse höher liegt und uns eine noblere Haltung einnehmen lässt. Es ist fast ein bisschen wie mit Stöckelschuhen: Brust raus, Rücken gerade. Schuhe und Stöcke fliegen allerdings schnell durchs Zimmer, denn nach dieser Fahrt durch die Nacht brauche ich dringend eine Dusche.

Zum „Park“-Hotel gehört tatsächlich eine großzügige und sehr schön angelegte Grünanlage, die zum ungestümen Verweilen einlädt. Ich entdecke die Hängematte und weiß schon, wie ich meinen Tag heute beenden werde. Ich spaziere noch ein bisschen herum, im hoteleigenen Park, der auch öffentlich zugänglich ist, und mitten in der Stadt liegt:

Sobald ich allerdings das Gartentor öffne, verwandelt sich die grüne Stille in ein nettes Treiben und Schnattern. Einen ausgefeilten Stadtrundgang habe ich nicht im Kopf, nur einen klassischen Stadtplan in der Hand, 3 Kameras und einen kleinen Zettel, auf dem „Obstmarkt“ und „Laubengasse“ steht. Und so lasse ich mich einfach treiben, werde getragen von den Fußgängern, denen man die Sommerfrische schon ansieht.

Ausgerechnet am ersten Tag verliere ich gleich eine Filmrolle. Mit verloren gegangen ist auch die Quittung vom Café in dem ich saß, um dem bunten Treiben auf dem Waltherplatz in Bozen zuzusehen. Daher weiß ich den Namen leider nicht mehr. Aber es war eines dieser Cafés, die ihren Außenbereich mitten in die Fußgängerzone oder, wie hier, auf den Waltherplatz auslagern, sodass es sich anfühlt, als hätte man mitten in der Stadt eine Picknickdecke ausgebreitet. Die Erinnerung an mein Menü habe ich natürlich nicht vergessen: Champignons mit Südtiroler Speck und einem Gläschen Hugo. Man munkelt ja, dass dieses Kultgetränk, das die Prosecco-Herzen der Frauen im Sturm erobert hat, hier in Südtirol zum ersten Mal als „Hugo“ angeboten oder gar kreiert wurde. Wundern würde es mich nicht, denn wo hätte man dieses Getränk besser erfinden können, als in Südtirol, der sonnenverwöhnten Südseite der Alpen mit den Palmen, die sich keck in den Bildvordergrund stehlen. 300 Sonnentage soll es hier im Jahr geben, das sind gefühlte 200 Tage mehr als daheim im Norden. Ich befürchte nur, dass ich ein bisschen norddeutsches Wetter mit in den Süden gebracht habe, denn es schieben sich immer wieder Wolkengebilde vor die Sonne, so wie mein dicker Finger sich manchmal noch vor die Kameralinse schiebt. Nach einem kurzen Schnack mit dem netten Kellner rückt er schließlich mit seinem eigenen Hugo-Rezept heraus:

150 ml gekühlter Prosecco (oder auf Eis), 20 ml selbstgemachter oder natürlicher Holunderblütensirup, ein paar frische Minzblätter und ein Spritzer Soda; alles vorsichtig im Weinglas verrühren und Hugo am besten mit einem Stück Limette garnieren (kann dann wahlweise darüber ausgepresst werden für die extra Portion Frische)
Prost – Cin cin!

In meinem Koffer liegt ich auch ein Skizzenbuch mit dem ich ein paar Südtiroler Bilder sammeln will. Aber keine Bilder im wortwörtlichen Sinne, sondern das Bild, das jeder von seiner Heimat im Kopf hat, was Südtirol für ihn oder sie bedeutet, was es darstellt. Daraus entstand die kleine Reihe „Mein Südtirol ist…“ und auch wenn sich nicht sehr viele SüdtirolerInnen getraut haben, sich darin zu verewigen, ist es doch ein nettes Mini-Portrait geworden :)
In der Raingasse 17 lerne ich die Buchhändlerin von KoLibri kennen, einer gemeinnützigen Buchgenossenschaft, die sich auf eine vielfältige zweisprachige Auswahl spezialisiert. Sie ist die erste, die sich im Skizzenbuch mit den Worten „…(mehr) Kultur“ einträgt. Umso trauriger fand ich es, als ich ein paar Monate nach meinem Besuch las, dass die Buchhandlung schließen muss.

Da die Berichte der nächsten Tage etwas…üppiger ausfallen, gibt es heute ein paar Impressionen aus Bozens Altstadt – vom Waltherplatz, den Arkaden und Seitengassen – für den sanften Einstieg ;)

Der Tag geht genau so zu Ende, wie ich es mir vorgestellt hatte: in der Hängematte, am hoteleigenen Pool, in der Weinbar, in der ich zum ersten Mal einen richtigen Südtiroler Wein trinke. Und ich glaube, im Gewürztraminer habe ich einen Freund fürs Leben gefunden.

Wenn ich könnte, würde ich Bozen ähnlich wie Guido Piovente beschreiben und den „deutschen Charakter“ um die spürbar südliche Mentalität erweitern. „Schön, nicht so sehr wegen dieses oder jenes Baus“, denn hin und wieder entdeckt man ein paar Bausünden oder Schönheitsfehler, was ein bisschen Hauptstadtflair in die „süße“ Provinz bringt.
Hier beginnt also der Kontrastreichtum, für den Südtirol so berühmt-berüchtigt ist…

Drei Bozen-Highlights:

  • Von der Heinrichspromenade aus hat man einen großartigen Blick auf die Stadt und die Dolomiten. Je höher, desto besser. (via Stadtteil Gries)
  • Der Bozner Blumenmarkt eröffnet jedes Jahr um den 1. Mai herum den Bozner Frühling
  • Das Open-Air Lokal mit Kultstatus: Die „Fischbänke“ in der Dr.-Streiter-Gasse 24

Morgen schon geht es weiter mit Tag 2: Von A wie Österreich nach  B wie Brixen!

(…und alle Südtirol-Artikel im Überblick seht ihr hier.)

Alle Bilder (mit Ausnahme der wenigen, mit * gekennzeichneten Fotos) wurden analog mit verschiedenen Lomography Kameras aufgenommen und in keiner Form retuschiert oder digital manipuliert. Frei nach dem Lomo-Kodex I still shoot film.

Lomoherz
Folgt mir

Lomoherz

Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
Lomoherz
Folgt mir

Letzte Artikel von Lomoherz (Alle anzeigen)

17 Comments
  • Jessica
    Posted at 07:59h, 07 Januar Antworten

    DU hast mir gerade richtig Lust auf Südtirol gemacht! Ich sehe mich schon im Laurin Park durch die Gegend spazieren und in der Hängematte rumliegen :)

    Liebe Grüße, Jessica

    • lomoherz
      Posted at 18:55h, 07 Januar Antworten

      Yay! mission accomplished, dann kann ich ja jetzt schlussmachen ;)
      Ich hätte mich vorher gar nicht so in Südtirol gesehen, aber jeeeeetzt, hach… die Hängematte war schon nett… :)
      Ganz schöne Grüße!

  • Evelin Bürger
    Posted at 10:01h, 07 Januar Antworten

    Ja , ich kann mich meiner „Vorschreiberin“
    nur anschließen, das Hängemattenbild und die Kirche mit Blümchen sind einfach Spitzenklasse.
    Evelin

    • lomoherz
      Posted at 18:57h, 07 Januar Antworten

      Herzlichen Dank, Evelin (das Kirchenblümchen ist auch ein bisschen mein Favorit;)
      Bis morgen!

  • ECW
    Posted at 13:00h, 07 Januar Antworten

    Einfach großartig!

  • Kathleen
    Posted at 13:18h, 07 Januar Antworten

    Schönes, detailverliebtes Reisetagebuch! Vermittelt sehr viel von der eingefangenen Stimmung!

    • lomoherz
      Posted at 19:00h, 07 Januar Antworten

      Oh, vielen Dank, manchmal wahrscheinlich etwas zu detailverliebt ;)
      SCHöne Grüße und ein frohes neues Jahr (wenn man das noch wünschen darf?)

  • Evi
    Posted at 20:29h, 08 Januar Antworten

    love it!
    (mehr fällt mir dazu grad nicht ein, ich muss nach diesem tollen Artikel erst meine Worte wiederfinden ;-) )

    • lomoherz
      Posted at 19:48h, 10 Januar Antworten

      Das ist ein echt schönes Kompliment, Evi – danke <3
      ;)

  • Janine
    Posted at 13:17h, 09 Januar Antworten

    Ein wunderbarere Einstieg. Nicht nur für meine Augen, sondern auch für meinen Kopf. Sowohl lesen, als auch das Betrachten der Aufnahmen haben mir meine Mittagspause schön versüßt. Ich habe den sommerlichen Klang Südtirols im Kopf!

    • lomoherz
      Posted at 00:32h, 10 Januar Antworten

      Wie schön…das freut mich wirklich zu hören! Herzlichen Dank :)

  • paleica
    Posted at 16:31h, 13 Januar Antworten

    die doppelbelichtungen begeistern mich sehr und auch sonst hast du viel schönes vom ersten tag mitgebracht! und um südtirol trauern wir österreicher immer noch ;)

    • lomoherz
      Posted at 21:01h, 14 Januar Antworten

      Das kann ich verstehen ;) – aber ihr habt es auch sehr sehr schön! Österreich habe ich jedenfalls in schönen Kindheitserinnerungen :) Und irgendwann möchte ich nochmal nach Salzburg und Wien <3
      Doppelbelichtungen machen großen Spaß – und überraschen am meisten! Sehr empfehlenswert :)

      • paleica
        Posted at 07:27h, 15 Januar Antworten

        ja das stimmt :) meine nikon kann das ja auch. zwar nicht analog, aber trotzdem ein schönes spielzeug :)

        wenn du mal nach wien kommst kann ich dir gern irgendwelche tipps ans herz legen – wenn du möchtest :)

  • How to MX – Eine Anleitung für Doppelbelichtungen Teil 2 | L o m o h e r z
    Posted at 18:31h, 22 Februar Antworten

    […] ein von hinten beschienenes Gebäude, sodass es silhouettiert wird. An dieser Stelle muss ich den Bozener Blumendom noch mal bringen, weil es einfach mein persönliches Paradebespiel ist, meine beste geplante und […]

  • Bern - Mit dem Zug durch die Schweiz VII - Lomoherz
    Posted at 08:46h, 19 August Antworten

    […] Schritt halten kann. Als wir unter die Lauben fliehen, denke ich noch, jaa, das erinnert mich an Südtirol. Aber die Aufforderung ist hier eine andere. Die Laubengassen präsentieren sich wie eine […]

Und was meinst du so? (Angaben freiwillig)

%d Bloggern gefällt das: