Montreux und Gstaad – Mit dem Zug durch die Schweiz II

Montreux und Gstaad – Mit dem Zug durch die Schweiz II

Postkarte_Golden_Pass2_LomoherzDie Golden Pass Linie beginnt bereits in Interlaken. Als wir in den Zug steigen, sind wir ein wenig verunsichert, weil wir erst einmal keinen Unterschied zu der Bahn entdecken können, in der wir gestern noch saßen. Wo geht es hier bitte zum Abteil mit Aussicht? Immer gerade aus, denn in Zweisimmen, ein paar Stationen von Interlaken entfernt, wartet ein Panoramazug aus Glas (oder woraus auch immer Zugfenster bestehen) auf uns. Ein Mann in traditioneller Schaffner-Garnitur steht bereit und bittet uns eloquent höflich um unsere Tickets. Fast erwarte ich, dass er uns galant die 3 Zugstufen hinaufhelfen würde, soviel Stil hat das Ganze.

Wir setzen uns an einen Vierer-Tisch, polieren die Scheibe und zurren kurz darauf los, die Kameras im Anschlag. Ungefähr 3 Stunden lang fahren wir ohne große Eile durch das Berner Oberland, das uns hinter der Scheibe eher wie eine Modelleisenbahnidylle erscheint.

Unterwegsbahnhöfe gibt es viele, sodass man diese Fahrt auch in Hop On Hop Off Manier nutzen könnte. Allerdings bekommt man bald das Gefühl, dass man ewig aus diesen Panoramafenstern schauen könnte.

Auf dem Rückweg betreten wir mit dem Classic Panoramazug übrigens eine andere Zeit: Plüsch-grüne Sessel, an die wir uns nicht trauen anzulehnen, Messing überall, sogar das Klo  – pardon, die Zugtoilette – ist ein Highlight. Es gibt noch weitere Panoramazüge mit anderen Themen wie den Schokoladen- und den Käsezug (womit wir wieder bei Gourmet wären…). Und alle verkehren sie auf verschiedenen Wegen. Aber jetzt geht es erstmal in die französische Schweiz:

Postkarte_Montreux_Lomoherz

Ehe wir uns versehen werden die alpin-deutschen Ortsnamen vor unseren Augen zu nasalen Ausschweifungen. Die Bahnhöfe zwischen Zweisimmen und Gstaad gehören allesamt noch zu geranienbehangenen Chalet Dörfern. Aber dann kommen sie: Rougemont, Château d’Oex und Rossinière. Unsere Panoramabahn setzt zu einem letzten Bergzug an. Ein letzter Pass und wir befinden uns an der Côte d’Azur. So scheint es zumindest als wir ins Tal schauen und statt endlosen Weiden eine türkisblaue Lagune entdecken. Das Stadt-Panorama von Montreux fällt dramatisch den Weinberg hinab und endet in einer schier endlosen Promenade. Statt Chalet, Hof oder Stall sehen wir nordmediterrane Küstenarchitektur und vereinzelte Hochhäuser, Pastellfarben statt Erd- und Holztöne, Palmen statt Geranien. Als wir in den Bahnhof einfahren haben wir noch immer das Wasser im Blick – den Lac Léman, den Genfersee.

Sobald wir die Flaniermeile direkt am Seeufer erreichen, werden wir von dem Strom quirlig-bunter Touristen mitgerissen, die sich an den vielen weißen Zelten entlanghangeln. Viel mehr Zeit als für diesen Open Air Bummel très chic bleibt uns nicht, aber wir haben das Gefühl, dass dieser Stadtteil Montreux auf den Punkt bringt: ein Magnet für Touristen, ein wenig Laissez-faire, an manchen Ecken edel, an manchen billig und ein wenig Monte Carlo-Kulisse, perfekt mit der Sonnenbrille in der Ambre Solaire Mähne, die Armreifen an den Handgelenken klimpernd. Die Luft flimmernd und voller Jazz.


Es ist so heiß, dass ich am liebsten mit den Kindern, die halbnackt durch den bodengleichen Springbrunnen laufen, oder mit den Einheimischen, die gleich wieder von der Plattform in den See springen tauschen möchte. Der Wasserskifahrer da draußen hat aber auch seinen Reiz. Stattdessen lassen wir uns mit dem Strom treiben, vorbei an einer riesigen Wandelhalle, an der Freddy Mercury Statue und den (ganz unterschiedlichen) Händlern. In und unter den schnieken weißen Zelten finden wir akfrikanisch anmutende Souvenirs und Rastazöpfe, ähnlich wie daheim, aber auch Juweliers und einen Händler mit selbstgenähten Vintage-Klamotten, in die ich mich auf der Stelle verliebe.

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Montreux ist so stark von der Jazzmusik geprägt, dass sie sogar als Claim im Logo auftaucht. Und man braucht wirklich nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die melancholisch brammigen Klänge an warmen Sommerabenden hier durch die Straßen ziehen. Es passt einfach.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof kommen wir an einer Bühne im 70er Jahre Stil vorbei, auf der Gospel statt Jazz gespielt wird, aber dafür steigert der Chor die Temperaturen noch mal ins Unermessliche. Auch wenn wir eigentlich keine Zeit mehr haben, müssen wir einfach stehenbleiben und mitwippen, so viel Feuer gibt es hier. Die Dame, die spontan auf die Bühne springt, um bei Proud Mary ein Tina Turner ähnliches Tanzsolo hinzulegen, treibt es auf die Spitze, die Zuschauer grölen. Dann müssen wir wirklich los. Ein letztes Selfie und ein letzter Blick von der Plattform, bevor wir wieder in einen Panoramazug steigen, denn von hier aus kann man bereits bis nach Frankreich blicken.

Nachdem wir von Schweiztourismus eine Videokamera zugeschickt bekamen, haben wir es uns nicht nehmen lassen, auch noch mit einer dritten Kamera zu jonglieren und jederzeit drauf loszufilmen!

Später am Tag erreichten wir übrigens noch Spitzenwerte von 37°C…

Proud Mary in der Gospel-Version mit spontaner Tanzeinlage:

Postkarte_Gstaad_LomoherzAus der französischen Schweiz geht es auf dem gleichen Weg zurück Richtung Interlaken mit einem Zwischenstopp im Chaletdorf Gstaad [Gschtaad]. Unser First-Guide Sepp wird uns ein paar Tage später erzählen, dass – entgegen den Erwartungen – es sich in dieser Gegend immer lohnt, einen Weg zweimal zu beschreiten, einmal hin und einmal zurück, denn das Erlebnis wird nicht das Gleiche sein. Dasselbe gilt auch für diese doppelte Zugfahrt.
Am Bahnhof von Gstaad werden wir von unserer Stadtführerin erwartet, unserem ersten offiziellen Guide in dieser Woche. Der Sympathie-Funke ist kaum übergesprungen, schon prescht die Dame voller Herzblut mit Geschichten, Fakten und Kuriositäten über diesen Flecken Erde vor. Ab und an schweifen wir ins Englische ab, denn unsere Stadtführerin gehört zu denjenigen, für die Hochdeutsch eine Herausforderung ist. Nichtsdestotrotz verstehen wir sie ohne Anstrengung.
Uns wird schnell klar, dass dieser Tag auch ein Tag der Gegensätze ist, zumindest was Flair, Architektur und Sprache angeht. Waren wir eben noch in Klein-Monte Carlo (Montreux), befinden wir uns nun in Klein-St. Moritz (Gstaad). Prominente wie Elizabeth Taylor, Roman Polanski und Roger Moore haben oder hatten hier einen diskreten Urlaubswohnsitz. Wer sich unter der Promisiedlung allerdings Prachtvilla an Prachtvilla vorstellt, könnte nicht ferner von der Wahrheit liegen. Das Witzige an Gstaads Prominenten-Status ist, dass bekannte Persönlichkeiten hier unbeachtet bleiben, völlig normal behandelt werden und dass man auch gar nicht erkennen könnte, welches Chalet [chAlet] von wem beherbergt wird, denn sie sehen alle gleich aus. Schon auf der Zugfahrt ist uns in dieser Gegend der wenig variierende Baustil der Häuser aufgefallen. Unsere Stadtführerin erklärt uns, das sei der Bauvorschrift aus den 50er Jahren geschuldet, an der man bis heute nicht rüttelt. „Heidi-Architektur“ wird sie liebevoll-ironisch genannt, und wer Heidi nicht will, der muss eben woanders hinziehen. Wären diese Chalets nicht so gemütlich und herzig – man könnte die Idee der Baugleichheit glatt mit einer deutschen Reihenhaussiedlung vergleichen. Tut man aber nicht. Denn diese Chalets sind nun mal äußerst charmant.

Hätte unsere Stadtführerin die Prominenten nicht gleich zu Anfang erwähnt, hätte ich Gstaad für ein uriges Dorf gehalten, in dem die Bewohner es irgendwie geschafft haben, die Zeit anzuhalten. Wir stehen am oberen Ende der verkehrsberuhigten Innenstadt und das, was uns entgegenlugt ähnelt einem klassischen Bilderbuch, nicht Heidi-unähnlich: Üppig behangene Balkone, bunte Fähnchen und ein Dorfbrunnen aus dem klares Bergwasser sprudelt. Aber ein Schritt in Richtung Dorfplatz und ich muss über meine eigene Naivität lachen und gleichzeitig staunen. Die Geschäfte, die im Zentrum romantisch als Chalets verpackt sind, beherbergen keinen Bauernmarkt und keinen Tante Emma Laden. Als wir den Dorfplatz  genauer inspizieren entdecken wir um uns herum Ralph Lauren, Prada und Cartier. Zu unserer Rechten das Sterne-Restaurant Chesery mit dem preisgekrönten Koch Robert Speth, der bereits seit 30 Jahren hier klassische Gourmetküche betreibt, zu unserer Linken das Hotel von Bernie Ecclestone. Und im Unterdorf werden gerade das Suisse Open Tennisturnier und die Beachvolleyball World Tour vorbereitet. Hallelujah. Das „Traditionsdorf“, das eigentlich erst um die 200 Jahre alt ist, hat es in sich.

Und trotz all der Aufruhr, oder gerade deswegen, hat sich Gstaad eine Unaufdringlichkeit bewahrt, die in der Ruhe, die es ausstrahlt, locker mitschwingt und genossen werden will. Es ist, als könne man sich beinahe vorstellen, wie man beim Bäcker hinter Promi A in der Schlange steht, um Teilchen für die Kaffeerunde zu kaufen. Oder neben Promi B in der Umkleidekabine auf einem Bein balanciert, um sich schon mal mit 500CHF teuren Skihosen für den Winter einzudecken. Na, vielleicht auch noch ein kurzer Schnack. Aber immer besonnen und ohne viel Drama. Zumindest wenn nicht gerade ein sportliches Highlight wie der Polo Gold Cup ansteht.
Das ist das Bild von Gstaad, das ich mitgenommen habe. Und dass sie über sich selbst lachen können. Oberhalb von Gstaad gibt es zum Beispiel eine Heiratsgondel. Unsere Stadtführerin erklärt uns mit einem Zwinkern, dass man auf diese Weise 20 Minuten Zeit gewinnt,  ja oder nein zu sagen. So lange dauert nämlich der Aufstieg. Für 2016 ist die Heiratsgondel bereits ausgebucht.
Neben den Sterne-Restaurants gibt es noch ein weiteres Gourmet-Highlight: dem Hörensagen nach soll in dem heutigen Polo-Laden die Anfänge für den (Schweizer) Milchshake gemacht worden sein: „Ihr habt gute Milch und ihr habt gute Schokolade, also macht was draus“, soll es geheißen haben.
Auch Julie Andrews hat dem Dorf ein marketing-reifes Zitat gegeben: „Gstaad is the last paradise in a crazy world“. Und das bringt das kleine Dörfchen Gstaad mit dem unaufgeregten Wesen ziemlich gut auf den Punkt.

Na, habt ihr ihn erkannt? David aus Verliebt in Berlin? ;)

Tags: Schneebars, Märchenwelt, Alpweiden, Bergstille, Seelenfrieden, Geborgenheit, Chaletstil, Matchball, Weltstars, Ovationen

Schon morgen geht es weiter mit Teil 3 unserer Schweiz-Reise!

 

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An dieser Stelle ein herzliches Danke vielmals an die Markenjury, an Schweiztourismus und an alle Beteiligten, die diese Reise zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben.

Ein besonderes Dankeschön gilt meiner entzückenden Reisebegleitung Jule, die mir tatkräftig dabei half, die Reise in Impressionen festzuhalten. Ihre Bilder seht ihr ebenfalls in diesem Post.

Ein letzter kleiner Hinweis: Aufgrund der vielen Bilder, und um Geduld, Gewicht und Ladezeit zu schonen, sind alle Fotos komprimiert worden, d. h. ihr seht eine relativ niedrig aufgelöste Variante der Originalbilder.

Alle Schweiz-Reportagen im Überblick findet ihr hier!

 

Euer Lomoherzli

 

 

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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5 Comments
  • Paleica
    Posted at 09:07h, 10 August Antworten

    puh, soviel info :) jedenfalls: ganz und gar ganz wunderbar! mein liebster abschnitt: der über die panoramabahn. traumhaft! die kombination aus dem ersten und zweiten teil erinnert mich irgendwie an the grand budapest hotel ^.^

    • Lomoherz
      Posted at 12:26h, 26 August Antworten

      Ich weiß was du meinst ;) Die Texte sind auch mir viel zu lang, aber ich konnte mich einfach nicht beherrschen. Dies ist bereits meine Version von „sich kurzhalten“ ;) Und da ich keine 14-tägige Strecke daraus machen wollte, gibt es diese 1000-Wörter Grenzwert-Posts. Alternativ kann man ja auch einfach Bilder gucken und Überschriften lesen :D Würde ich niemanden übelnehmen!
      Und ja, nicht? The Grand Budapest Hotel fiel mir auch sofort ein…vor allem nachdem ich das Grand Hotel in Montreux sah und wir mit diesem irren Nostalgie-Zug zurückfuhren. Ein sehr schönes Theme. Vielleicht wurde Wes Anderson sogar ein bisschen davon inspiriert? ;)

      • Paleica
        Posted at 13:04h, 26 August Antworten

        ich versteh dich gut. mir gehts ja auch so, meine sommerurlaubsposts ziehen sich manchmal bis in den jänner, was ich auch doof finde. wenn man halt aber auch soviel zu erzählen hat :)

  • Mörkrum
    Posted at 20:44h, 10 August Antworten

    So schön! Ich war noch nie in der Schweiz und muss zugeben: Viel kannte ich nicht ;) danke für die schönen Eindrücke!

    • Lomoherz
      Posted at 12:19h, 26 August Antworten

      Herzlichen Dank! Ich war davor nur einmal kurz in der Schweiz, kann mich aber nur noch an ein Schwanen-Tretboot und Tunnel erinnern (ist schon länger her) ;) Jule war schon öfter im Land, sie meinte aber, dass die Region, die wir besuchen durften, wirklich nochmal etwas ganz Besonderes sei. Hab ich ihr sofort geglaubt ;)
      Viele Grüße!

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