Käse und Biskuits – Mit dem Zug durch die Schweiz V

Käse und Biskuits – Mit dem Zug durch die Schweiz V

Postkarte_Käserei2_LomoherzKäse. Ich muss nur daran denken und schon plüstern sich meine Pupillen wie zwei dralle Tauben auf dem Dach. Sogar auf unserem überschaubaren Frühstücksbuffet liegen mehr Käse- als Wurstsorten, abends haben wir uns bereits durch Raclette, Fondue und überbackenen Rösti genagt.

Und heute ist es endlich soweit: Wir haben einen randvollen Gourmettag, beginnen mit etwas Herzhaftem und gehen dann über zur süßen Schweiz. Mit Bahn und Bus fahren wir nach Affoltern im Emmental. Welcher Käse uns hier erwartet, wird eine Überraschung. Denn die Emmentaler Schaukäserei ist eine kunterbunte Mischung aus Erlebnishof und Freilichtmuseum. Auf der einen Seite gibt es Streichelzoo, Käsespielplatz und Detektivweg, auf der anderen kann man originale Käsereien aus verschiedenen Jahrhunderten besuchen, die Produktion des Emmentaler AOC beobachten und selber Frischkäse herstellen. Das größte Käsevergnügen auf dem Hof ist allerdings die Umschulung zum Käser bzw. zur Käserin. Dafür gehen wir in die Käserei von 1750, in der der Käse noch über dem Feuer hergestellt wird. Unsere Begleitung für heute? Ein Kamerateam vom Stern und ein Vertreter des Schweiztourismus. Spannend.

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Als wir das Stöcklihaus betreten, sind sie schon mittendrin, im Käsen. Die Schürze sitzt, die Kamera läuft. Der Emmentaler Käse-Meister, der uns anleitet, erklärt und zeigt uns mit Bestimmtheit, wie man Käse mit der Hand herstellt und dafür nur die besten Produkte aus dem Umland verwendet. Und das genau so, wie man es schon vor knapp 275 Jahren in diesem Raum tat: Alle Zutaten in einen riesigen Kessel geben, Milch eindicken lassen und: rühren, ganz viel rühren. Vierzig Minuten steht er da, der Moderator, in voller Montur am offenen Feuer und schwingt auch nach einer halben Stunde noch gleichmäßig den Rührstab, der ein bisschen an eine Mistgabel erinnert. Zum Ende hin dürfen wir alle vom schwammartigen Ur-Käse naschen, der verdächtig nach körnigem Frischkäse schmeckt. Die ganz Mutigen nehmen darauf noch ein Schlückchen übriggebliebene Molke aus dem Kessel.

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Als das Feuer unterm Kessel erlischt, heben die zwei Käser die Masse mit einem netzartigen Tuch heraus und pressen sie in die vorbereiteten Formen und Ringe. Noch das Datum und Angestelltennummer drauf und schon wird die zu dem Zeitpunkt noch wabbelige Luftikusmasse unter Druck gesetzt, um das Wasser herauszupressen und ihn zu formen, den Schönling. Anschließend kommt er in die Reifekammer, die sich im Keller der alten Käserei befindet und wird dort vier Monate lang aufbewahrt.

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Und dann? Dann wird er direkt zu dem nun zertifizierten Käser nach Hause geschickt. Jule und ich hoffen insgeheim, dass wir auch ein Stück vom Käsekuchen abbekommen, liebes Stern-Team. Ihren Film habe ich noch nicht entdeckt. Sobald er fertig ist, findet ihr hier den Link und uns vielleicht im Bild. Dafür hat Ilja Knöpfler von Schweiztourismus bereits seinen schnittigen Kurzfilm veröffentlicht:

Die Atmosphäre beim Käsen ist durch die originalen Requisiten und Dekorationsgegenstände eine ganz besondere. Insgesamt werden bei dieser Art von Mitmach-Käsen 200 Liter Milch verbraucht, wofür man am Ende 8kg selbsthergestellten Käse bekommt. Ungefähr 2 Stunden dauert eine Partie Stöckli.

Nachdem der Käse sicher verpackt ist, führt uns der Emmentaler Käse-Guide Urs noch einmal quer über den Hof und durch vier Käse-Generationen. Urs ist eigentlich Schweinebauer und müsste bald damit anfangen, das Sommergras zu sensen, aber in der Schaukäserei erzählt er inbrünstig von den Dingen, die man über die Käseherstellung wissen muss, vollendet mit Anekdoten und Details. Der absolute Höhepunkt ist natürlich die Verkostung des Emmentaler AOCs. Auch etwas laktosefreies ist dabei. Das letzte Stück Käse – der am längsten gereifte Emmentaler – schmeckt eindeutig am besten. Hier dürfen wir öfter hinlangen.

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Unser Rundgang endet im hofeigenen Restaurant, in dem ein Mittagsapéro auf uns wartet, natürlich mit hauseigenen Spezialitäten. Was für ein Schmaus! Brotzeit bei uns, Merende in Südtirol und hier nun Mittagsapéro. Lasst es uns schmecken!

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Ein Zitat von Urs wird mir dabei immer in Erinnerung bleiben:

„Das Leben ist zu kurz, um Käserinde zu essen.“

Danke, Urs, das nehme ich mir sogleich zu Herzen! Postkarte_Kambly_LomoherzMit dem letzten Span Käse auf der Oberlippe werden wir von Barbara Eggimann vom Emmental Tourismus aus der Schaukäserei abgeholt und quer durchs Emmental gefahren. Was Jule sofort auffällt sind die Gärten die trotz aller Üppigkeit in geordneten Bahnen verlaufen. Unkraut scheint hier nicht zu wachsen. Typisch für das Berner Oberland, meint Barbara, die uns eine halbe Stunde später Nadja Urfer vorstellt.

Nadja ist die Produktmanagerin vom Kambly Erlebnis beim Feingebäck Hersteller Kambly in Trubschachen. Seit drei Generationen und mehr als 100 Jahren kommen hier Mehl und Butter zusammen, um Biskuits zu formen, die fast wie Schokolade auf der Zunge zergehen. Denn zu einem Kambly-Gebäckstück sagt man auf keinen Fall Keks. Höchstens Bretzeli, wenn man auf das runde, waffel-ähnliche Plätzchen verweist, mit dem alles begann. Oscar Kambly I ließ sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Trubschachen nieder, buk für Dorf und Tal jene Bretzelis nach dem Rezept seiner Großmutter. Und die wurden so beliebt, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als auch für (viele) andere Dörfer und Täler zu backen.

Aber warum ausgerechnet Trubschachen? Warum nicht Bern oder Zürich?
Oscar Kambly kam aus einem ganz bestimmten Grund in dieses beschauliche Dorf im Berner Oberland: der Liebe wegen. Ihr seht, im Herzen ist die Geschichte des Feinbackimperiums eine Liebesgeschichte. Und eigentlich ist sie das noch immer.

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Das Besondere: alle Rohstoffe, die für die Herstellung der Biskuits in der Schweiz theoretisch verfügbar sind (über 80%), kommen auch tatsächlich alle aus der Schweiz und werden dortzulande verarbeitet. Kambly geht sogar noch einen Schritt weiter und bezieht soweit wie möglich die Naturprodukte aus dem hiesigen Emmental. Mehl und Butter für das Bretzeli kommen zum Beispiel aus der Trubschacher Dorfmühle und Käserei.

Um sich so nah wie möglich an die Biskuit-Liebhaber zu schmiegen, entstand 2010 direkt vor der Fabrik das Kambly Erlebnis. Jule und ich betreten das moderne Gebäude und überlegen kurz, unseren Eindruck der unaufgeregten, stets gelassenen Schweizer zu widerrufen. Der ganze Saal mit Fabrikladen, Kambly-Kino, Café und Schauconfiserie brummt förmlich vor ungehaltenem Hochgenuss. Nadja führt uns durch das clever arrangierte Foyer, erzählt uns an dieser und jener Station von der Geschichte und der Philosophie Kamblys und schaltet zur Veranschaulichung den Kambly-Film auf Deutsch ein, bei dem die Requisiten vor der Leinwand zum Leben erweckt werden.

Danach können Jule und ich es kaum erwarten, uns unter die Menge zu mischen, die unaufhörlich in die Regale mit dem bunten Sortiment greift und sich Bauch und Korb vollschlägt, denn: Jede Sorte – wirklich jede Sorte Biskuit und Salzgebäck aus dem Hause Kambly – kann man hier frei probieren. Die Leute freuen sich wie ein Keks (kein Wortspiel beabsichtigt;) über die unzähligen, offenen Dosen, die wie durch Magie im nächsten Moment wieder randvoll gefüllt sind. Es ist wie im Schlaraffenland!! Und so schlendern wir durch die Gänge, greifen hier und dort zu, finden schnell unsere Lieblinge (z.B. Coeur aux Noisettes – mit flüssigem Karamell gefüllte Schoko-Biskuits!), kehren zu ihnen zurück und fühlen uns bald selbst wie ein Pfannekuchen.

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Aber der eigentliche Höhepunkt im Kambly-Erlebnis steht uns noch bevor: Die Schau-Confiserie. Normalerweise ist dafür ein extra Bereich mit Tischen, Backutensilien und Schürzen eingerichtet worden. Heute ist dort allerdings schon eine Schulklasse zu Gange, woraufhin wir eingeladen werden, hinter die Tresen der Confiseurinnen zu treten. Quasi in die heiligen Hallen, wenn es hier Wände gäbe. Jule und ich fühlen uns geehrt und legen feierlich die gereichten Schürzen um.

Da ein Rundgang durch die große anliegende Fabrik aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, hat man diese Schauwerkstatt eingerichtet, damit man den Confiseuren dabei beobachten kann, wie sie handgemachte Kambly-Biskuits anfertigen und verfeinern. Darüber hinaus gibt es kreative Eigenkreationen, Makronen und einen nicht versiegenden Schokobrunnen. Hätte ich ein glücklicheres Händchen für Koch- und Backkunst– dies wäre mein absoluter Traumjob. Jule hat so ein Händchen und seit wir den Funky Chocolate Club in Interlaken besucht haben und nun hier sind, sehe ich, wie es in ihrem Kopf rotiert.

Confiseurin Franzi, der die Leidenschaft ins Gesicht geschrieben steht, lässt uns die vobrereiteten Caprice-Röllchen mit Schoko- oder Pistaziencreme füllen, in flüssiger Milch- und dunkler Schokolade tünchen und sie mit bunten Accessoires unserer Wahl verfeinern. Schaut euch nur mal Jules Confiseriekünste an! Eine halbe Stunde lang sind wir die Confiseurinnen, Franzi ist die Fotografin und ziehen Zuschauer aus dem hauseigenen Café an, die wir allerdings kaum bemerken, so vertieft sind wir mit unseren schillernden Biskuits. Am Ende dürfen wir sie glanzvoll verpackt mit nach Hause nehmen und bekommen sogar noch eine Leckerli-Dose in die Souvenir-Tasche gesteckt. Vielen herzlichen Dank für dieses Erlebnis!

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Bisweilen verbindet man (ich) immer noch Gebäck mit Sammeltassen, Bügelstärke und Kölnisch Wasser und ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mit so einer halben Erwartung auch an jenen Nachmittag gegangen bin. Ich hätte mich nicht großartiger irren können.

Mittlerweile gehören die Kambly-Biskuits zur Schweiz wie das Käseraclette im Winter. Es ist also gar keine Überraschung, dass das Unternehmen unter der Führung von Oscar Kambly III der führende Biskuits-Hersteller dortzulande und auch international sehr bekannt ist. Sobald ich zu Hause war, hielt ich Ausschau nach dem Gebäck mit dem roten Schriftzug. Bisher habe ich die Klassiker leider noch nicht entdecken können, dafür aber etwas typisch Kambly-haftes (was ich vorher nur nicht damit verbunden habe), das ihr sicherlich auch alle kennt: die lustig knuspirgen Goldfische! Oder auf Schwyzerdütsch: Goldfischli!

Goldfischli

 

Apropos Fischli: Kommt morgen unbedingt mit an den Brienzer See!

………………………..

 

An dieser Stelle ein herzliches Danke vielmals an an die Markenjury, an Schweiztourismus und an alle Beteiligten, die diese Reise zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben!

Ein großes Dankeschön gilt meiner entzückenden Reisebegleitung Jule, die mir tatkräftig dabei half, die Reise in Impressionen festzuhalten. Ihre Bilder seht ihr ebenfalls in diesem Post.

Ein letzter kleiner Hinweis: Aufgrund der vielen Bilder, und um Geduld, Gewicht und Ladezeit zu schonen, sind alle Fotos komprimiert worden, d. h. ihr seht eine relativ niedrig aufgelöste Variante der Originalbilder.

Alle Schweiz-Reportagen im Überblick findet ihr hier!

 

Euer Lomoherzli

 

 

Euch gefallen die Verliebt in die Schweiz Postkarten? Hier könnt ihr alle 16 kostenfrei herunterladen (gilt nicht für kommerzielle Zwecke).  

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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4 Comments
  • Anonymous
    Posted at 09:45h, 13 August Antworten

    Deine Blogs machen Fernweh!

    • Lomoherz
      Posted at 12:11h, 26 August Antworten

      Ziel erreicht, dann kann ich mich jetzt ja hinlegen ;)
      Lieben Dank!

  • kuhnographphotography
    Posted at 15:58h, 13 August Antworten

    Sehr schön dokumentiert. Und jetzt hab ich Lust auf einen kleinen Ausflug… Mmmhhh, in die Schweiz ;-)

    • Lomoherz
      Posted at 12:10h, 26 August Antworten

      Hehe, mmmmh, warum nicht? ;)
      Kann ich sehr gut nachvollziehen, wir würden am liebsten auch direkt wieder hin.
      Dankeschön!

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