Oslo, mein Mädchen

Oslo, mein Mädchen

Auf der Suche nach dem Orangenmädchen

Stell dir vor, du sitzt in der Straßenbahn. Auf dem Weg zur Uni oder zu Freunden. Du träumst vor dich hin und beobachtest die dicke Fliege, die unermüdlich gegen die Fensterscheibe prallt. Um dich herum sind die meisten Passanten in ihre Smartphones vertieft oder lesen die Tageszeitung auf ihrem Tablet. Der Mann in dunklem Anzug und pinker Krawatte genau wie die zwei Teenies mit den großen Kopfhörern und die ältere Dame mit den vollen Einkaufstüten. Die Straßenbahn ächzt und knattert vor sich hin. Dein Blick wandert zurück zum Fenster und du siehst, wie sich ein Stadthaus an das nächste reiht, eine Straße der anderen gleicht. Heute erscheinen sie nicht besonders schillernd, denn der Wind ist zurück und hat den Regen mitgebracht.

Zwei Stationen weiter stehst du auf, an der nächsten Haltestelle musst du raus. Und dann, auf einmal, entdeckst du sie. Eine junge Person in einem abgewetzten orangen Wanderanorak mit einer Papiertüte voller Apfelsinen, die ihr Gesicht beinahe verdeckt.

So oder so ähnlich ergeht es Jan Olav, als er zum ersten Mal das Orangenmädchen in der Osloer Straßenbahn sieht. Doch die erste Begegnung geht nicht gut aus. Eine vermeintliche Heldentat führt zum Verlust der Orangen, sie nennt ihn einen Weihnachtsmann und beantwortet keine seiner 1.000 Fragen, die ihm im Kopf herumschwirren.

"Die Geschichte des Orangenmädchens beginnt eines Nachmittags als ich vor dem Nationaltheater auf die Straßenbahn wartete. Es war gegen Ende der Siebzigerjahre und es war im Spätherbst."

Appelsinpiken - Auf der Suche nach dem Orangenmädchen (c) Lomoherz

Statt eines dumpfen Dröhnens aus den Kopfhörern umgibt Jan Olav fiktives Zeitungsrascheln und die schwarzgefärbten Finger schlieren auf keinem Display herum. Dieser Teil der Geschichte spielt Ende der 70er Jahre. In einem Rückblick erzählt er sie seinem Sohn in einem Brief.
Seit dem Zusammenstoß in der Straßenbahn sucht Jan Olav ganz Oslo nach dem Orangenmädchen ab und geht dabei höchst kleinkariert und logisch vor.

Das erscheint umso amüsanter, weil er doch ganz vernarrt in sie ist. Hin und wieder erhascht er einen Blick auf ihren Anorak, nimmt ihre Hand oder folgt ihren Fußspuren im Schnee. Doch kaum eine Begegnung dauert länger als einen Augenblick und so kommt es, dass Jan Olav sich die wildesten Geschichten über ihr Leben ausdenkt. Dass sie die zwei Pfund Orangen auf dem Markt kauft, um bei ihrer bevorstehenden Exkursion durch Grönland nicht dem Vitaminmangel zu verfallen.

„Dann kam endlich die Straßenbahn, ich sah sie schon von weitem, zuerst glitt sie am Parlament vorbei, dann zockelte sie durch die Stortingsgata. Und was mir seither doch immer irgendwie zu schaffen gemacht hat, ist, dass ich mich einfach nicht daran erinnern kann, wo ich damals hinwollte. Jedenfalls stieg ich kurz darauf in eine leuchtend blaue Bahn, die zur Endstation Frogner fuhr und voller Menschen war.“

Als ich letztes Jahr beruflich ein paar Tage in Oslo verbrachte, musste ich ständig an Das Orangenmädchen denken. Ich hatte keinen orangen Anorak an und auch nicht immer eine Kamera griffbereit, aber wenn mir etwas in der Stadt bekannt vorkam oder mich ein Motiv an die Geschichte erinnerte, hatte ich den Drang, es festzuhalten.
Ursprünglich hatte ich Schwarz-Weiß-Filme mitgenommen, um über die winterliche Tristesse hinwegzuknipsen. Aber dann fiel mir ein, dass Farbfilme in den 70ern noch nicht allzu verbreitet waren und legte mich auf die Lauer.

Ich hatte nichts geplant, wie ihr seht, es ist also keine visuelle Umsetzung einzelner Buchseiten, es gibt ja noch nicht mal ein Konzept ;) (auch wenn ich mich dafür treten könnte, das mir das nicht früher eingefallen ist…).
Das norwegische Original habe ich mir im nächsten bokhandel, einem Buchladen, in Oslo gekauft. Wieder zuhause angekommen, las ich mir die Geschichte noch einmal durch und markierte ein paar Stellen, die wie ein liten Reiseführer durch die Straßen von Oslo lotsen…
Kos deg!

"Plötzlich geschah etwas Märchenhaftes, ich meine nicht damals in der Urzeit im Nusswald, sondern hier und jetzt in einem Café mitten auf Karl Johan.“

„Dann war die Tüte voll, das Orangemädchen bezahlte und ging in Richtung Storgata weiter. Ich folgte ihr in einiger Entfernung, denn ich wollte mich erst in der Straßenbahn nach Frogner zu erkennen geben. Aber ausgerechnet in diesem entscheidenden Punkt hatte ich mich geirrt. Sie ging nämlich gar nicht in die Storgata, um die Straßenbahn zu nehmen.“

„Ich verbrachte Tage und Wochen damit, ganz Frogner abzusuchen, doch damit will ich mich jetzt nicht aufhalten. […] Mindestens vier Tage in der Woche machte ich lange Spaziergänge durch den Frognerpark, und nicht selten glaube ich sie entdeckt zu haben, auf der großen Brücke, vor dem Parkcafé oder oben beim Monolith, aber sie war es nie.“

„Kurz vor der Øvre Slottsgate hole ich sie ein. Ich gehe einen Schritt an ihr vorbei, drehe mich um…“

„An diesem Sonntag im März herrschte dort oben [am Holmenkollen] wirklich kein Mangel an alten Anoraks in allen von der Sonne ausgeblichenen Varianten. Deshalb schaute ich auch gar nicht erst zur Sprungschanze hinüber, ich war mehr als genug mit der Betrachtung der vielen Anoraks beschäftigt.“

Appelsinpiken - Auf der Suche nach dem Orangenmädchen (c) Lomoherz

„Wenn das Orangenmädchen so dachte wie ich, musste sie früher oder später genau hier auftauchen. Wir waren uns in einem Café in Oslo begegnet. Und wir waren uns im Dom begegnet. Wenn das Orangenmädchen und ich eins gut konnten, dann war es, uns zufällig über den Weg zu laufen.“

Appelsinpiken - Auf der Suche nach dem Orangenmädchen (c) Lomoherz

„Ich sah plötzlich ein, wie naiv ich gewesen war. Ich hatte vor vielen Tagen zu Hause im Humleveien die Karte aus Sevilla aus dem Briefkasten geholt und sie hatte viele Tage gebraucht, um dorthin zu gelangen. Das Orangenmädchen kam mir ebenso unerreichbar vor wie bisher…“

„Ich sehe sie an, sie lächelt noch immer. Ich versuche ebenfalls zu lächeln, aber das gelingt mir nicht recht.
„Also habe ich die Wette verloren“, füge ich hinzu.
Sie denkt nach und sagt dann: „Ab und zu müssen wir es im Leben einfach schaffen, uns ein wenig zu sehnen. Ich habe dir geschrieben. Ich habe versucht, dir die Kraft zu geben, die du brauchtest um dich noch ein wenig zu sehen.“

Appelsinpiken - Auf der Suche nach dem Orangenmädchen (c) Lomoherz

„Hast du ein Stichwort?“, bat ich.
Sie sagte: „Der Humlevei, du Dussel.“
Der Humlevei. Da war ich aufgewachsen. Da war ich geboren. Ich hatte mein Leben lang im Humlevei gewohnt. In Adamstuen hauste ich erst seit einem halben Jahr.
„Oder der Irisvei“, sagte sie.
Das war dieselbe Gegend. Der Irisvei ging vom Humlevei ab.
„Kløvervei vielleicht!“

„Wir sind uns in Oslo begegnet. Dreimal haben wir uns gesehen und ich habe seither fast an nichts anderes gedacht. Dann bist du verschwunden, einfach weggeflogen. Es war schwieriger, dich festzuhalten als einen Schmetterling einzufangen.“

„Jugend, Georg, jugendlicher Leichtsinn!
Aber ich erinnere mich auch an einen warmen Augustabend, an dem wir auf Bygdøy saßen und auf den Fjord hinausschauten.“

„Beinahe stumm gingen wir zusammen zum Schlosspark. Obwohl wir über dieses Schweigen nicht gesprochen hatten, es kam von selbst.“

Appelsinpiken - Auf der Suche nach dem Orangenmädchen (c) Lomoherz

„Für mich ist diese Welt immer eine Zauberwelt gewesen, das war schon so, als ich noch klein war, lange, bevor ich anfing, auf den Straßen von Oslo nach einem Orangemädchen Ausschau zu halten.“

„Wir fuhren auf die Inseln im Oslofjord, wir fuhren in den Norden, wir besuchten Museen und Kunstausstellungen und wir machten an vielen satten Spätsommerabenden Spaziergänge durch die Villenstraßen von Tåsen.“

Alle Zitate stammen aus dem Buch „Das Orangenmädchen“ vom großartigen Jostein Gaarder. Erschienen im dtv (2005).

Alle Bilder wurden analog mit einer Retro-Kamera auf Film aufgenommen. Kein Photoshop (außer das Titelbild), keine Filter oder sonstiges.
Einfach pure, kreative Film-Fotografie in schwarz-weiß.

Kamera: Canon AE-1 Program

Filme: Lomography Lady Grey 400, Kodak TMX 100, Ilford FP4 Plus 50 (abgelaufen, +1 Push)

Entwicklung & Scan: MeinFilmLab (Lady Grey + TMX), Ilford selbst gescannt

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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1Comment
  • Eine Stunde Kopenhagen - Lomoherz
    Posted at 20:42h, 06 Juli Antworten

    […] man mit dem Auto anreist. Letztes Jahr bin ich zum Beispiel mit Fähre und Zug von Rostock bis nach Oslo gefahren, quer durch das schwedische […]

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