LomoRoadtrip Tag 5 – In 7 Tagen durch Südtirol

LomoRoadtrip Tag 5 – In 7 Tagen durch Südtirol

Freitag, 10.05.2013 – Im Westen Land unter

Heute fahre ich hier entlang:

Am nächsten Morgen erwartet mich dagegen ein Regentanz. Das Frühstücksbuffet im Ottmanngut wird heute im Salon angerichtet und die Gäste erwartet dort eine handverlesene und bewusst kleine Auswahl lauter leckerer Dinge aus der Region, die mir natürlich unbekannt sind. Umso gespannter bin ich auf die Marmelade und die Vinschgerln, während die Kirchlechners noch einmal für jeden Gast einen besonderen Gruß aus der Küche vorbereiten.

Und während ich noch versuche, dieses Kompliment aus der Küche nicht mit einem Happen zu verschlingen, betritt eine ältere Dame den Speisesaal und fragt mich, ob ich „wahrhaftig“ ganz alleine auf Reisen sei. Ich bejahe ordentlich und sie stellt sich mir als Martha Kirchlechner vor, die früher selbst diese Pension leitete. Ihr Enkelsohn Martin hatte am Abend vorher schon ein bisschen aus der Familienchronik erzählt, wie seine Großeltern das Gut übernahmen, es jahrzehntelang führten und sie zunächst noch ein Restaurant betrieben. Aber es ist immer ein wenig anders, wenn die Person, die dir gegenüber steht, tatsächlich Teil dieser Geschichte ist und Martha erzählt mir noch ein bisschen daraus. Ihr Blick schweift dabei immer wieder zum Wintergarten, der sich, ein paar Stufen höhergelegen, direkt hinter mir befindet. Nach einer Weile bittet sie mich, die Tür dort zu schließen, damit die feuchte Regenluft nicht ins Haus gelangt. Ihr Blick bleibt noch ein bisschen hängen, genauer gesagt an einer Erinnerung. Sie erzählt mir, wie sie dort im Wintergarten mit den Gästen getanzt hat, früher, als sie noch jung war.

Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll und der Moment ist vorbei. Sie lässt meinen Stuhl los, auf den sie sich gestützt hatte und schaut argwöhnisch in den Regen hinaus. „Die Decken sollten besser nicht da draußen auf den Tischen liegen“ sagt sie und geht. Fast erwarte ich, dass sie selbst hinaus in den Regen läuft, um die Decken einzusammeln, aber nichts dergleichen geschieht. Bis zu meiner Abreise ein paar Stunden später sehe ich sie nicht wieder, aber meine Grüße gelten heute ihr.

So charmant melancholisch der Regen durch die Glasscheibe im Salon auch ausschaut, durchkreuzt er doch ein wenig meine Pläne für heute. Die Fahrt hinauf ins Dorf Tirol machte ich nun doch mit dem Auto in der Hoffnung, dass es dort oben bald aufklaren würde. Der zähe Verkehr in der Stadt und in der Umgebung ist dafür schon ein kleiner Wink: Das Dorf Tirol ist so voll wie norddeutsche Städte vor Weihnachten. Durch den dichten Verkehr und die engen Kurven kommt es mir so vor, als würde ich in einem endlos hohen Parkhaus hinauffahren und als ich endlich in Tirol ankomme, sind auch leider schon alle Parkplätze besetzt. Am besten fährt man also doch mit dem Sessellift hier hoch, man kann sich ja eine Tüte unter den Hintern legen und die Kapuze eng um den Kopf schnüren. Einfach wieder ins Tal zurück fahren und weiter ins Vinschgau erscheint mir aber auch sinnlos und so parke ich weiter ab, dorfauswärts beim Tiroler Kreuz, schnappe mir Kamera und Jacke und gehe einfach hinaus in den Regen spazieren.

Dabei gut im Ohr:Absinth“ (-klick-) von Opas Diandl, die (sehr erfolgreiche) „progressive Volksmusik“ machen, aber trotzdem etwas eigen bleiben, „kompromisslos“, wie sie sagen – schön! Und mit Absinth lässt es sich fast im Regen tanzen…

Im Nachhinein bin ich sogar ganz froh, dass es scheinbar keinen Platz mehr für mich im Dorf Tirol gab, denn eine halbe Stunde später stoße ich auf einen kleinen Abzweig, der steil bergab führt. Normalerweise wollte ich solche „Fallen“ ja mit aller Kraft meiden und der Pfad sieht durch die Niederschläge auch nicht gerade rutschfest aus, aber ein Dröhnen aus dieser Richtung, das immer mehr zu einem Rauschen wird, hat meine Neugierde geweckt. Und ein paar Minuten später stehe ich vor meinem ersten ‚wilden‘ Wasserfall:

Hallo!
Wäre ich zu zweit hier hoch gekommen, man hätte sein eigenes Wort nicht verstanden, so laut donnert das Wasser herab und weiter ins Tal. Ein wenig „Gischt“ fliegt in der Luft herum und der einzelne Schuh am gegenüberliegenden Ufer macht mich etwas unruhig, aber dafür hatte jemand überall kleine Steinmännchen platziert. Ich schaue dem Spektakel noch eine kleine spannende Weile zu, dann spaziere ich zurück zum Auto. Der einzige Nachteil ist nur, dass ich die Fahrt ins Vinschgau nun „leicht“ durchnässt fortsetzen muss. Zeit, die Sitzheizung auszuprobieren.

Westwärts

Das Vinschgau kommt mir etwas weitläufiger vor, weniger bewaldet und man reist hier mehr durch Obst- und Weinanbau, als durch die Berge (die natürlich trotzdem am Rande stehen, darunter auch der Ortler, der Höchste von allen). Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man zwischen den vielen Apfelplantagen sogar Marillen- und Beeren-‚Felder‘. Und vielleicht sogar das ein oder andere Apfelblütenfest im Regen:

Leider entdecke ich diese bunte Obstwiese erst auf dem Rückweg, sodass die lauernde Dämmerung meinem Film einen Strich durch die Rechnung macht. Mal belichte ich zu lange, mal zu wenig.
Die „Vinschger“ werden ja als besonders kreativ und einfallsreich bezeichnet, viele bekannte Architekten und Künstler stammen aus dem Westen des Landes – und vielleicht wurde hier ja gar nicht gefeiert, sondern etwas inszeniert, fotografiert…?

Auf dem Weg an die Westspitze Südtirols begegnen einem noch weitere unzählige Motive, tolle Locations und Sehenswürdigkeiten sowie der ein oder andere Bio-Laden direkt an der Landstraße, wie z.B. der Vinschgauer Bauernladen (der nur leider schon geschlossen hatte).

Anhalten tue ich das erste Mal wieder in Glurns, etwas unvorbereitet, denn eigentlich wollte ich hier nur kurz etwas essen, aber irgendetwas in der Vergänglichkeit des abblätternden Städtenamens „Glorenza“, in das Glurns zur Zeit der Italianisierung umbenannt wurde, lud zu diesem Bild ein. Im Gegensatz zu den abbröckelnden Lettern, wird die einzige Stadt im Vinschgau seit Jahrhunderten von einer vollständig erhaltenen Stadtmauer umgeben.

***

Land unter

Obgleich der Kirchturm von Altgraun sicherlich zu den meist fotografierten Motiven in ganz Südtirol gehört, Südtirol-Liebhaber und Einwohner ihn vielleicht aus verschiedenen Gründen nicht mehr sehen mögen, der Geschichte dahinter müde oder noch immer untröstlich sind, wollte ich ihn unbedingt mit eigenen Augen sehen, die Geschichte spüren, die mir so unglaublich wie tragisch erscheint. Die Gemeinde Graun befindet sich allerdings sehr weit nordwestlich, an der Grenze zu Österreich und der Schweiz, sodass man einmal quer durch den Westen Südtirols braust, wenn man in Meran (ca. 1,5 Stunden) oder Bozen (ca. 2 Stunden) übernachtet. Ich nahm mir vor, kein ’normales‘ Bild zu machen und so das Thema ein wenig im Bild aufzugreifen.

Wenn ich mir vorstelle, dass mich jemand meines Hauses, meiner Stadt, meiner Gemeinde verweisen und enteignen würde, dass man mein Heim sprengen würde, zum Wohle der Nation, konzipiert unter der damaligen faschistische Regierung, dass man meine Wurzeln einfach wegschwemmt, dann würde mich das ohnmächtig machen. Aber genau so erging es den 1200 Einwohnern aus Altgraun, die um 1950 für die Vergrößerung eines Stausees umgesiedelt und dessen Häuser gesprengt wurden, weil sie machtlos gegenüber einer Regierung waren, die die nationalen Interessen über alles stellte. Einen ausführlichen und interessanten Bericht zu den Hintergründen, Zeitzeugen und Chancen kann man hier nachlesen.

Hinaus aus der Heimat, die da nun liegt, in Schutt und Wasser. Was bleibt, ist der jahrhundertealte Kirchturm, dessen fingerlose Uhr Geisterstunden zählt.

Zusammen mit dem Friedhof von Graun, der etwas höher liegt und dessen Grabkreuze unweigerlich auf Altgraun zeigen, wirkt die ganze Umgebung wie ein einziges blau-weißes Mahnmal.

Ein kleiner Trost: Mittlerweile lockt der Reschenstausee jedes Jahr die weltbesten Kite-Surfer an.

Leicht beklommen mache ich mich auf den Rückweg nach Meran, wo ich die Nacht in der Jugendherberge verbringen würde. Als ich ankomme, ist es bereits stockdunkel, aber für einen Cocktail in der Rossini Bar ist noch Zeit.

Für den Reisenden mit kleinem Budget finde ich die Jugendherberge, die auch günstige Einzelzimmer anbietet, unbedingt empfehlenswert. Tatsächlich ist es eines der saubersten und ruhigsten Hostels, in dem ich jemals übernachtet habe. Und man bekommt sogar ein Handtuch.

***

3 Highlights im Vinschgau:

  • In den Kellerlokalen am Dorfplatz von Laas (mit dem berühmten Laaser Marmor) gibt es neben Speis und Trank auch wechselnde Kunstausstellungen.
  • Zwischen Prad und Tschengls soll es am Nittbach eine kostenlose Wassertretanlage geben – lohnt es sich?
  • Auf der Liegewiese am Quellensee entspannen, am besten zwischen Goldrain und der Seebar.

Morgen schon geht es weiter mit Tag 6: Der Apfel im Papier!

(…und alle Südtirol-Artikel im Überblick seht ihr hier.)

Alle Bilder (mit Ausnahme der wenigen, mit * gekennzeichneten Fotos) wurden analog mit verschiedenen Lomography Kameras aufgenommen und in keiner Form retuschiert oder digital manipuliert. Frei nach dem Lomo-Kodex I still shoot film.


Liebe Blog-Freunde,
willkommen zur Themenwoche
Südtirol in Lomography!
Anfang 2013 wurde mein Blog für den Süditrol Medienpreis 2013 nominiert (wo-hoo:). Im Mai bin ich dann eine Woche lang in dieser schönen Gegend herumgereist, habe mir ganz viel angeschaut, unter tollen Dächern geschlafen und hunderte von Lomos geschossen.

Die Artikel zum Roadtrip erscheinen eine Woche lang analog zu meiner Reise (nur zeitversetzt) und eine Jury aus echten Profi-Bloggern wird zum Frühling hin entscheiden, welcher der 3 Blogs den Preis gewinnen wird.
Ich freue mich, dass ihr mit mir auf diese Lomo-Reise geht! ♥

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Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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16 Comments
  • foster
    Posted at 19:59h, 10 Januar Antworten

    Gabs eigentlich auch einen kleinen Abstecher nach „Nord“-Tirol, Innsbruck zum Beispiel?

    • lomoherz
      Posted at 17:53h, 11 Januar Antworten

      Jein – für mich ja, für euch leider nicht ;)
      Ich war in der Woche zweimal kurz in Innsbruck, einmal um den Mietwagen abzuholen und das zweite Mal, um ihn wieder wegzubringen und zum Bahnhof zu fahren. Davon gibt es aber keine Bilder ;)
      Hast du eine besondere Bindung zu „Nord“-Tirol?

      • foster
        Posted at 19:44h, 11 Januar Antworten

        Ja. :mrgreen:

        Nee, Innsbruck ist nur zufällig die einzige Stadt Tirols, die ich – ein klein wenig – kenne und an die ich mich sehr gern zurückerinnere, das ist alles.

  • K C Eames
    Posted at 01:20h, 11 Januar Antworten

    Very nice!

  • Dani
    Posted at 17:20h, 11 Januar Antworten

    Hach, wieder so ein herrlicher Bericht mit traumhaften Bildern. Wie kommt es eigentlich, dass du dir so lange Zeit gelassen hast, um diesen Reisebericht zu veröffentlichen? Bewundernswert, dass du da so ganz alleine rumgereist bist, ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde. Obwohl, ich war mit 17 auch alleine an der Ostsee… Jedenfalls liebe ich diese Südtirol Artikel sehr und ich überlege ernsthaft, meine Island Urlaubsabsichten für diesen Sommer umzuschmeißen. ;)

    • lomoherz
      Posted at 18:02h, 11 Januar Antworten

      Danke Dir, liebe Dani :) Island und Südtirol sind aber auch 2 (schöne) Welten für sich … vielleicht kannst du ja beide besuchen? ;)
      Der Bericht kommt zeitversetzt, weil wir quasi das ganze Jahr, also 2013, Zeit hatten, zu reisen (für eine bestimmte Zeit), recherchieren und den Bericht fertig zustellen. 2014 war dann Abgabetermin.
      Ich gebe zu, ich reise gerne mal allein, ein paar Argumente dafür stehen bei Tag 2 ;) Mit 16 war ich ein Jahr alleine in den USA, danach noch mal in England… wahrscheinlich hat es da angefangen :)
      Wo warst du denn am Meer? Bei uns hier, in S-H??
      Liebe Grüße!

      • Dani
        Posted at 18:33h, 11 Januar Antworten

        Ja, am Timmendorfer Strand und Umgebung, ich hatte damals Freunde dort. In der ersten Nacht habe ich unter der Seebrücke von Timmendorf geschlafen, kein Scherz. :) Damals ging einiges schief, aber ich werde diese Reise nie vergessen. Erzähle ich dir gern mal, wenn wir uns treffen.

        • lomoherz
          Posted at 18:51h, 11 Januar Antworten

          Unter der Seebrücke?? :O
          DIE Geschichte musst du mir unbdingt mal erzählen!

  • Fee ist mein Name
    Posted at 23:05h, 11 Januar Antworten

    Ich kenne die Konkurrenz nicht, finde aber du solltest gewinnen ;)!

    • lomoherz
      Posted at 19:30h, 12 Januar Antworten

      Ganz lieben Dank…hach, das wäre schön :)

  • Jessica
    Posted at 12:46h, 12 Januar Antworten

    Die Geschichte von Altgraun kannte ich noch nicht. Faszinierend auf eine gewisse Art und Weise.

    Liebe Grüße, Jessica

    • lomoherz
      Posted at 19:31h, 12 Januar Antworten

      Ja….es ist auch wirklich ein eigenartiges Gefühl, davor zu stehen…

      Liebe Grüße zu Dir,
      Conny

  • Anne
    Posted at 19:44h, 12 Januar Antworten

    meine begeisterung wird immer größer :)

    • lomoherz
      Posted at 19:08h, 16 Januar Antworten

      Chihi – das schmeichelt mir sehr, bedankt :)

  • LomoRoadtrip Tag 4 – In 7 Tagen durch Südtirol | L o m o h e r z
    Posted at 12:48h, 08 Juli Antworten

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