LomoRoadtrip Tag 3 – In 7 Tagen durch Südtirol

Tag 3

08 Jan LomoRoadtrip Tag 3 – In 7 Tagen durch Südtirol

Mittwoch, 08.05.2013 – Ostwärts

Die Nacht bleibt regenschwer und die Balkontür auf. Als ich am nächsten Morgen hinaustippele, sind die Wolken bereits auf der Flucht. Meine riesige Wohnzimmerlampe, die lieber draußen steht, hatte die Nacht ohne Wasserschaden überstanden. Alles war gut.
In der schmucken Frühstücks-“Lounge“ vom Hotel Pupp gibt es für mich Lachs, von jeder der 12 verschiedenen Käse-Sorten ein Streifchen, frischgepressten Blutorangen(!)-Saft und kleine Leckereien aus der Pupp-Patisserie von gegenüber (ist schließlich die beste Konditorei in ganz Brixen). Das Buffet ist üppig und exquisit, ein bisschen exotisch gar.
Zum Abschied bekomme ich eine Packung gefüllte Trüffel geschenkt und ich weiß nicht, was zuerst schmelzen würde, mein Schokoladenherz oder die Trüffel auf der Rückbank der C-Klasse. Ich hätte sie gerne meinem kleinen Südtirolpäckchen (das es hier zu gewinnen gibt) hinzugefügt, aber das war leider schier unmöglich! ;)

Reisefertig soll es am Vormittag weiter nach Sand in Taufers gehen, das ungefähr eine Stunde nordöstlich von Brixen entfernt liegt. Aber dann bin ich links abgebogen, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun. Ich hatte schon vom Kloster Neustift gelesen, hatte aber eigentlich vor, nur kurz zu winken und meine Fahrt Richtung Pustertal bummellos fortzusetzen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sich dieses Kloster in all seiner Pracht und inmitten von Weinbergen gelegen direkt vor mir aufbäumen würde und mich quasi dazu zwingen würde, vom rechten Weg abzukommen. Aber schon schlängelten mein Auto und ich die kleine Serpentine hinunter und parkten direkt vor seinen Mauern. Der Augustiner Chorherrenstift Neustift ist unverkennbar die größte Kloster-Anlage Südtirols und nicht ganz unbekannt in der Welt, wenn es um ihren selbst produzierten Eisacktaler Weißwein geht.

Witzig: Überall stehen hier knallig designte, so gar nicht klösterlich ausschauende Infotafeln für mehr Nachhaltigkeit im Alltag.

Meine Route heute:

Rot und weiß sind meine Farben

Sagte ich bummellos? Obwohl ich bereits gut ein oder zwei Stunden Verspätung habe, muss ich auch hier noch einmal anhalten. Es ist das erste Mal, dass mir die Farben Südtirols so markant entgegenschlagen. Um die Zeit selbst mache ich mir aber gar nicht so viele Gedanken, ein komisches Gefühl. Sie scheint hier langsamer zu laufen und manchmal gar nicht so wichtig. Zuerst dachte ich, es läge an mir, schließlich bin ich neu hier, ausgestattet mit ein bisschen Urlaubs-Gefühl und weit entfernt vom Südtiroler Alltags- und Arbeitsleben. Aber egal, wohin ich kam, an welchem Tag, zu welcher Uhrzeit, diese Gelassenheit begegnete mir immer wieder.

(Die Burgruine der Mühlbacher Klause ist an einigen Stellen mit Glas „überdacht“, sodass man von oben in die Überreste dieser Burg hineinschauen kann.)

Weiter geht es zu den wilden Wassern, genauer gesagt nach Sand in Taufers in den „hohen Norden“ Südtirols. Begünstigt durch Schmelzwasser und Niederschläge wird hier vielerorts kräftig zum Wildwasserrafting eingeladen. So auch der Rafting Club Activ jeweils um 09:00 Uhr und 14:30 Uhr. Als ich kurz vor halb ankomme, macht es mich schon ein klein wenig skeptisch, dass nur ein weiteres Fahrzeug vor dem Clubhaus parkt. Wie sich herausstellt hätte ich mich auf den letzten Metern gar nicht beeilen brauchen, denn heute fällt die Wildwasser-Fahrt ausnahmsweise mal ins Wasser.

Ich schaute mich in der Gegend ein wenig um, angelockt von der etwas dunkleren Art der Architektur und überlegte kurz, die Mittagsstunden in Bruneck zu verbringen, das auf meinem Weg ins Gadertal lag. Bruneck im Pustertal, das um die 15.000 Einwohner zählt, ist mit Sicherheit einen Abstecher wert, vor allem weil ich schon auf einigen Blogs von dem berüchtigten Blumengeschäft/Konditorei Acherer Patisserie.Blumen gelesen hatte. Dahinter verbirgt sich ein Pärchen, das in seinem Laden in der Brunecker Altstadt gleichsam Blumen und Törtchen anbietet.

Allerdings zog es sich vom Süden her immer mehr zu und ich erinnerte mich an den Ratschlag, dass man sich, was Straßenentfernungen in Südtirol angeht, schon mal leicht verschätzen kann, vor allem wenn dabei Gebirgspässe zu überqueren sind. Dieser Rat hat mich am nächsten Tag tatsächlich davor bewahrt, einen riesigen Umweg fahren zu müssen und kann ihn nur an alle Südtiroler Neutouristen weitergeben: Fahrt lieber 20 Minuten früher los als geplant und schaltet das Radio ein, um zu hören, ob bestimmte Pässe ganz oder nur zu einer bestimmten Zeit geschlossen sind.

Auf der Höhe von St. Vigil, ein knappes halbes Schtündl von Bruneck entfernt, ändert sich die Aussicht auf einmal dramatisch. Waren die Berge rund um den Kronplatz eben noch samten und grün, lugen nun die Anfänge der Dolomiten bleich und scharfkantig hervor. Wer, wie ich, Bergsteigen und Skifahren hauptsächlich aus Bilderbüchern kennt (und vorher noch nie den Südtiroler Reinhold Messner von den Dolomiten schwärmen hören hat), der würde vielleicht ebenso denken – das ist jetzt aber bestimmt ’nur‘ eine weitere Bergkette, die besonders hoch oder besonders imposant daherkommt. Aber die Dolomiten sind anders, so anders. Auf den ersten Blick kalt und biestig sind sie doch in ihrer Schroffheit vollkommen und in ihrer Vollkommenheit einmalig. Und auch irgendwie schön, faszinierend sowieso. Ein erster Hinweis hätte der Weltnaturerbe-Status sein müssen, den das Gebirge seit 2009 trägt. Man kann gar nicht wegschauen, egal ob man 1, 2 oder 3 Stunden um die Dolomiten, die großzügig den Südosten bedecken, herumfährt oder -wandert, oder bereits sein ganzes Leben auf sie schaut (diese Behauptung habe ich von einer sicheren Quelle). Am markantesten sind wohl die 3 Zinnen, die noch weiter östlich im Hochpustertal, an der Grenze zu Venetien als Teil der Sextener Dolomiten emporragen. Aber auf mich wartet mein eigener ‚Dolomythos‘ (wenn ich mich nicht wieder verfahre), denn glaubt es oder nicht, aber zum ersten Mal bekomme ich richtig Lust aufs Wandern. Nicht Bergsteigen (man muss es ja nicht gleich übertreiben), aber Wandern, auf niedrigster Stufe. Und dieses Mal würde ich einen großen Bogen um Kuhweiden machen.

Eine kleine, kurvenreiche Straße führt schließlich von Abtei, das tief eingebettet zwischen der Puez- und der Fanesgruppe liegt, hoch zum Hof „Chi Prà“ am Fuße der Gardenaccia. Und als ich hier oben die Autotür zuschlage, öffnet sich endlich das Bilderbuch, das ich zu Hause in meiner Fantasie schon längst aufgeschlagen hatte. Bozen hat mich mit seiner Quirligkeit und der warmen Nachtluft überrascht und was ich von Brixen sah, glich eher einer traumversunkenen Märchenkulisse, aber hier oben gibt sich Südtirol endlich meinen Erwartungen hin.

Am Anfang wollte ich ausschließlich zeigen, was Südtirol noch ist, was außerhalb der Erwartungen liegt, ohne Rücksicht darauf, was Südtirol schon immer war: ein Selbstversorger. Und im Zeitalter von DaWanda und Co., in dem Handarbeit und Unikate gerade wieder aufblühen, wäre mir flau im Magen, nicht auch diese Seite Südtirols zu zeigen. Kuh, Bauern, Ski-Lift, Berge und Seen zählen zu den ersten Gedanken die um Südtirol herum gesponnen werden. Tatsächlich begegnen mir all diese Dinge (mit Ausnahme der Berge natürlich) aber erst am dritten Tag meiner Reise, fernab der Schnellstraßen und Lichter der Stadt. Innovation findet im „Tal“ statt, und es ist gar nicht so selbstverständlich, dass sie auch ihren Weg in die Berge findet, und wenn, dann meist später, so sagen einige. Aber dazwischen gibt es noch die Ausnahmen. Sturm und Drang findet man auch hier, im Gadertal, das zusammen mit dem im Süden anschließenden Grödnertal zu den traditionelleren Ecken Südtirols gehört. Vor 20 Jahren hätte man noch unmöglich in meiner Ferienwohnung „Chi Prà“ mit Blick auf den Heiligkreuzkofel übernachten können. Denn vor 20 Jahren gab es diesen Hof noch nicht. Also etwa kein Traditionshof?

Lucia Valentin, Ladinerin und weibliches Oberhaupt, erzählt mir die Geschichte von Chi Prà, während sie mir Hof und Haus zeigt und dabei ein paar Hühner aufscheucht: vor ca. 20 Jahren war dieses große Stück Land, auf dem heute Wohn- und Ferienhaus, Scheune, Stall, Kühe und Produktionsstätte stehen, nur ein Fleck auf der Alm auf der Lucias Mann Michele Kühe hütete. Als Junge hatte Michele sich in dieses Stückchen Erde verliebt und als Mann baute er dort ein Haus, eine Straße und bringt Strom, Wasser und Frau. Mittlerweile haben sich 4 Kinder, 10 Kühe und der ein oder andere Feriengast dazugesellt. Mithilfe der Kühe, die bei diesem Ausblick und den Bio Wiesen und Weiden gar nicht anders können, als glückliche Milch zu produzieren, stellen die Valentins verschiedene Käse, Butter und Joghurts her, die nötigen Maschinen sind modern und poliert, genau wie der neue Verkaufsraum, in dem es alle Sorten Chi Prà zum Mitnehmen gibt. Darunter auch der Graukäse, eine (Süd)Tiroler Käsespezialität, die man auch schon mal zu gleichen Teilen mit Butter isst.

Trotz neuster Technik wird bei den wichtigen Dingen noch selbst Hand angelegt. Das selbstgemachte Kompott wird für die Joghurts mit Fruchtmoment einzeln mit einem Löffel unter die Vollmilchprodukte gehoben. „Wofür hat man schließlich Kinder“ lacht Lucia, die ein bisschen mehr Deutsch spricht, als ihr Mann Michele, dem man sofort glaubt, dass er ein unbewohntes Kleinod in ein Familienunternehmen verwandeln kann. Untereinander sprechen die beiden Ladinisch, was überraschenderweise verträumt weich klingt. Als romanischer Dialekt zählt Ladinisch zu den Sprachvarianten des gesprochenen Latein – und eben zu den 3 Sprachen, die man in Südtirol spricht, wenn auch in der Minderheit. Trotzdem ist Ladinisch in einigen Gemeinden als regionale Behörden- und Schulsprache anerkannt, die ladinische Bezeichnung leuchtet bei Orts- und Verkehrsschildern stets an oberster Stelle. Auch ihre Kinder wachsen hier zweisprachig auf, obgleich sich die junge Generation eher dem Italienischen zuwendet.

Ab jetzt im Ohr: Ganes, 2 Schwestern und 1 Cousine aus Wengen, die auf ladinisch singen und verzaubern (-klick-)  …

Hinauf

Nach dem Rundgang ist meine Wanderlust noch nicht vergangen. Das dramatische Wolkenspiel am Himmel könnte allerdings einer richtigen (=mehrstündigen) Wanderung etwas im Wege stehen, meint Michele. Wenn er wüsste… . Obwohl man hier in der Gegend, vor allem um Corvara, sehr gerne die Skier herausholt (und neuerdings auch die Golfschläger), gibt es eine Menge ausgefuchster und beschilderter Wanderwege mit garantiert schöner Aussicht. Vorsichtshalber packe ich aber trotzdem noch meine Regenjacke ein und gehe einfach mal „bergauf“. Ein paar Minuten später, ich ruhte mich gerade an einem Bachlauf aus, brechen auf einmal ein älterer Herr samt Enkel aus dem Gebüsch gegenüber hervor. Jesus, Maria und Josef! Anscheinend sind die Wanderwege für waschechte Gadertal-Bewohner nicht ausgefuchst genug oder gar zu spießig, denn wenn ich sie richtig verstanden habe, laufen sie bereits seit Stunden einfach mittenmang durch die Berglandschaft, mit einer kurzen Pause oben am See. See? In der Tat, das wäre der Lêch dlà Lunch – ich müsste nur 300 Meter weiter hinaufgehen, und dann würde ich ihn schon finden. Über uns zieht es sich zwar weiterhin zu, aber 300m sind jetzt auch nicht so schrecklich weit, oder? Und wenn es schon mit dem Wildwasser-Rafting nicht klappt, will ich zumindest sehen, was es mit diesem See auf sich hat. Allerdings muss ich den netten Opi falsch verstanden haben, denn nach 300 Metern betrete ich erst den Wald und dann dauert es noch ungefähr eine halbe Stunde, bis ich das erste Schild mit „Lêch dlà Lunch – 5km“ finde. Oh.

Und nun? Umkehren? Ein Teil war allerdings schon geschafft und das Wetter klärte auch wieder auf. In der Hoffnung auf einen paradiesgleichen, blau-grün schillernden See mit spektakulärer Aussicht stiefele ich weiter hinauf und fange bald daraufhin ernsthaft an zu schnaufen. Und auch wenn ich mantrenhaft vor mir her singe, hinter dem nächsten Baum versteckt sich der See ganz bestimmt, werden die letzten Wege immer steiler und enger, sodass sie gefühlt doppelt so lang sind. Als ich endlich oben ankomme, sehe ich vor allem erst einmal eins: Schnee – und ich hatte mich schon auf ein Waldbad gefreut. Bis auf einen kleinen Steg gibt es hier oben nicht viel zu sehen und der Lêch dlà Lunch ist zwar klar, aber nicht ganz die Lagune, die ich mir erhofft hatte. Ein bisschen enttäuscht stelle ich mich 2 Minuten an den Rand und genieße die Aussicht, bevor ich den gleichen Weg wieder hinabsteige.

Einerseits finde ich es immer etwas öde, die gleiche Strecke zweimal abzulaufen, andererseits hatte ich schusseligerweise nicht daran gedacht, Lucia nach einer Wanderkarte zu fragen (online kann man das übrigens hier nachholen). Auf der Hälfte der Strecke kommt man wieder an der Lichtung vorbei, die den Panoramablick auf den Heiligkreuzkofel freigibt, das ich mir vorhin schon näher ansehen wollte.

Noch ein Stück, und noch eins, knips, ein Stückchen noch, neuer Film und schon befinde ich mich näher am Hang als am Wanderweg. Von hier aus hat man einen ganz prächtigen Blick auf Abtei, die Dolomiten und das Gadertal und obwohl ich den Chi Prà Hof von hier oben nicht sehen kann, bin ich mir ziemlich sicher, dass das hier die gleiche Perspektive ist. Mir kam eine Idee. Überlegt ist die sicher nicht, ich könnte schließlich ganz woanders herauskommen oder mittendrin steckenbleiben und müsste dann den ganzen Berg wieder hinaufgehen. Aber ehrlich gesagt will ich nur noch aus meinen qualmenden Socken heraus und barfuß sein, egal wie. Außerdem könnte jede Minute die „Enrosadira“ beginnen, jene magische Zeit, wenn sich die Felsen der Dolomiten im Abendlicht rot färben und anfangen zu glühen. Die Dolomiten sind nämlich eine ungestüm sagenumwobene Gegend, ein einziger Dolomythos sozusagen. „Enrosadira“ erzählt die Geschichte vom Zwergenkönig Laurin und seinem Rosengarten, der nur in der Abenddämmerung sichtbar wird. Seiner Liebe beraubt, legt Laurin einen Fluch über seine Rosen, die ihn verrieten. Niemals wieder sollen sie blühen, weder bei Tag noch bei Nacht. Dabei vergaß er die Dämmerung, jene kurze Zeit zwischen Licht und Schatten, und so blüht der Rosengarten, der etwas westlich vom Heiligkreuzkofel liegt, zu jedem Sonnenuntergang neu.
Auch wenn alles andere an diesem Ort etwas ruhiger vonstatten geht, habe ich trotzdem das Gefühl, dass die Sonne hier schneller hinter den Bergen verschwindet. Nähme ich den ausgeschilderten Wanderweg bergab, würde ich es nie rechtzeitig schaffen, das Alpenglühen festzuhalten. Mir fällt der Großvater mit dem Jungen wieder ein und ohne weiter darüber nachzudenken nehme ich Beine und Kameras in die Hand und laufe blindlings den Hang hinunter, durch das hohe Gras, an Hütten und Badewannen vorbei, den Blick starr auf die rot werdenden Spitzen der Dolomiten gerichtet.

Ich schaffe es zwar rechtzeitig bis zum großen Finale, allerdings hat sich inzwischen wieder ein Wölkchen zwischen Berg und Himmel geschoben, was das Spektakel ein wenig vereitelt.
Als ich mir bei Lucia einen Fön ausborge, erzählt sie mir, dass sie am Nachmittag eine Marende für mich vorbereitet hatte, eine Südtiroler Brotzeit mit Speck, Schüttelbrot (ähnlich wie Fladenbrot, nur knuspriger) und Rotwein (und/oder Essiggurken).
Mein Timing ist heute einfach unschlagbar. Dafür erinnere ich mich, dass 4 von Micheles Kühen zur Zeit trächtig sind und es bei Zweien sehr bald soweit wäre. Vielleicht würde in dieser Nacht noch ein Kalb geboren.

Die Ferienwohnungen, die eigentlich für mehrköpfige Familien ausgelegt und hergerichtet sind, werden von Balkonen und kleinen Außenterrassen umsäumt, auf denen man hinunter ins Tal und hoch zu den Dolomiten schauen kann – ein weiteres Zimmer mit Aussicht. Frisch geduscht und ohne Socken staffiere ich mir den Westbalkon mit genügend Decken für 3 aus und mache es mir auf meinem eigenen Thron gemütlich.

Und just in dem Moment, als meine Füße die Balkonbrüstung berühren merke ich, wie alles von mir geht. Ich habe das Gefühl, als würde ich langsamer atmen, als würde mein Herz nur noch halb so schnell schlagen. Wenn ich nicht aufpasse, fällt mir gleich der Stift aus der Hand. Ich möchte (oder kann?) keinen Muskel mehr regen. Alles ist schwer und gleichzeitig leicht. So fühlt es sich also an, tiefenentspannt sein. Ich bin geschafft, aber nicht müde, und überhaupt ist es ganz anders, als kurz vor dem Einschlafen. Der Körper ist lax, die Sinne dafür umso geschärfter. In der Stille ist die Stille gar nicht stille, nicht wirklich. Sie ist ein Rauschen und ein Summen, das sich wie in Zeitlupe in den Ohren abspielt.
Und vor mir zeigt sich die Welt zwischen den Zeiten. Man sagt, dass die Nacht am dunkelsten vor dem Morgengrauen sei, aber jetzt, in diesem Moment, ist der Tag am hellsten vor der Dämmerung. Man erkennt kaum noch die Konturen der Dolomiten, so hell ist es dort in den 5 cm, die nur noch zwischen Berg und Sonne liegen. 5cm, jetzt 4 und gleich 2. Golden ist hier nichts mehr. Auch das dramatische Rot, das Alpenglühen ist längst vorbei. Es ist weiß. Schneeweiß.

Das Licht erlischt und der Moment ist vorbei. Als hätte jemand den Schalter umgelegt. Es ist unglaublich, wie schnell die Dunkelheit hereinbricht. Es gibt keine Vorwarnung, nur die Sonne, die schnell hinter die Berge zieht. Die Gänsehaut von eben schlägt in Frösteln um, die Decken sind schroff und nicht mehr warm. Nach und nach geben die Lichter im Tal den Blick in die Nacht frei. Nur die einst friedvollen Berge heben sich tiefschwarz vor dem Nachthimmel ab und erwachen zu spitz-knöcherigen Spielern im Schatten.

Ich versuche, noch so lange wie möglich wach zu bleiben, spiele Memory mit Bergmotiven und zähle ein paar Mal die verbleibenden Filme, überlege, welche Gegend ich wohl in Lomo-Himbeer tauchen sollte. Aber in dieser Nacht wird kein Kalb mehr geboren.

***

Drei Gadertal Highlights:

Morgen schon geht es weiter mit Tag 4: Pack die Badekappe ein…es geht nach Meran!

(…und alle Südtirol-Artikel im Überblick seht ihr hier.)

Alle Bilder (mit Ausnahme der wenigen, mit * gekennzeichneten Fotos) wurden analog mit verschiedenen Lomography Kameras aufgenommen und in keiner Form retuschiert oder digital manipuliert. Frei nach dem Lomo-Kodex I still shoot film.


Liebe Blog-Freunde,

willkommen zur Themenwoche Südtirol in Lomography!
Anfang 2013 wurde mein Blog für den Süditrol Medienpreis 2013 nominiert (woo-hoo:). Im Mai bin ich dann eine Woche lang in dieser schönen Gegend herumgereist, habe mir ganz viel angeschaut, unter tollen Dächern geschlafen und hunderte von Lomos geschossen.

Die Artikel zum Roadtrip erscheinen eine Woche lang analog zu meiner Reise (nur zeitversetzt) und eine Jury aus echten Profi-Bloggern wird zum Frühling hin entscheiden, welcher der 3 Blogs den Preis gewinnen wird.
Ich freue mich, dass ihr mit mir auf diese Lomo-Reise geht! ♥

Lomoherz
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Lomoherz

Moin! Ich bin Conny, Lomography-Mädchen, Bloggerin und Weltenbummlerin mit Flugangst.
Ich mag es, die Welt in Lomo-Farben zu tauchen und nebenbei neue Orte zu entdecken. In meinem Blog Lomoherz verbinde ich die Liebe zur analogen Lo-Fi Fotografie mit meinem ungebrochenen Fernweh. Ich mag das Gefühl von Weite, Storytelling und das Meer. Daheim arbeite ich im Marketing und als Webkonzepterin für Content und Design einzelner Websites.
Schön, dass Du da bist!
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11 Comments
  • Evi
    Posted at 20:49h, 08 Januar Antworten

    Also das Warten auf deinen Südtirolreisebericht hat sich wirklich gelohnt. Danke für den Lese- und Fotogenuss. Da brauch ich auch kein Buch am Nachtkastl :)
    Achja: und ich finde deine Idee „Mein Südtirol ist…“ echt super.
    Freu mich auf morgen! LG, Evi

    • lomoherz
      Posted at 01:09h, 10 Januar Antworten

      Ach wie schön, dass du es magst! Ganz lieben dank, das ehrt mich :)
      Na dann braucht dein Nachtkastl wohl dringend Nachschub! ;) Hast du die Analphabetin schon durch?
      Ich war auch ganz berührt, wie viele Gedanken sich jeder gemacht hat, bevor hineingeschrieben wurde. Eine schöne Erinnerung zudem…vll sollte man so etwas auch mal mit Lomo machen… :)
      Liebe Grüße!

  • Dani
    Posted at 22:41h, 08 Januar Antworten

    Ich schließe mich Evi an, Mann, idt das toll hier!!! Ich will jetzt unbedingt nach Südtirol, du beschreibst das alles so herrlich. Freue mich auf morgen in Meran. Gut’s Nächtle, Dani

    • lomoherz
      Posted at 00:57h, 10 Januar Antworten

      Yay, so soll es sein ;) Freut mich, dass dir die Reise gefällt, Dankeschön! Und? Konntest du den ein oder anderen Meraner Winkel/Häuserfassade wiedererkennen? ;) Aber das Kurhaus bestimmt, das ist ja sehr dominant!
      Gut’s Nächtele!

  • Jana
    Posted at 23:19h, 08 Januar Antworten

    Hach da werden tolle Erinnerungen wach. Ich war gerade im September eine Woche im Gadertal. Es stimmt wirklich: Die Mühlen mahlen langsamer und das wohlige Gefühl von kaputt und wach zugleich kenne ich nur zu gut ;-) Freue mich auf morgen, denn Meran mag ich auch sehr!

    • lomoherz
      Posted at 00:38h, 10 Januar Antworten

      Hihi, bist du öfter in der Gegend? Was hast du denn schönes im Gadertal gemacht? Warst du auch in Abtei?

  • Jessica
    Posted at 09:01h, 09 Januar Antworten

    Hach, ich mag es wie du von deiner Reise erzählst. Total schön! Und die Dolomiten sind echt der Wahnsinn! Mit Sicherheit noch beeindruckender wenn man wirklich da ist.

    Liebe Grüße, Jessica

    • lomoherz
      Posted at 00:36h, 10 Januar Antworten

      Auf jeden Fall!! Auch als bekennender Fisch fühle ich mich ordentlich zu den Dolomiten hingezogen ;) Sehr empfehlenswert – man kann wirklich nicht wegschauen!
      Ganz lieben Dank für dein Lob, Jessica!

  • Fee ist mein Name
    Posted at 13:43h, 09 Januar Antworten

    Ich würde mich auch am liebsten direkt auf den Weg machen. Als in Innsbruck war, habe ich mich ja schwer in die Berge verliebt. Hach!

    • lomoherz
      Posted at 00:31h, 10 Januar Antworten

      Auja, ich hätte auch gerade wieder richtig Lust! Wann warst du denn in Innsbruck? Länger? Auf dem Weg vom Flughafen zum Bahnhof habe ich ein bisschen von der Stadt gesehen…schien nett!

  • In 7 Tagen durch Südtirol: LomoRoadtrip Tag 2 | L o m o h e r z
    Posted at 12:40h, 08 Juli Antworten

    […] In 7 Tagen durch Südtirol: LomoRoadtrip Tag 1 LomoRoadtrip Tag 3 – In 7 Tagen durch Südtirol […]

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